Erleichterung nach Abtreibung moralisch verwerflich?
Die beste Freundin meiner Schwester hat vor vier Tagen, in der siebten Woche, einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen. Sie ist 30 Jahre alt und wurde schwanger, da sie und ihr Partner mehr als zehn Jahre nicht verhütet haben. Hintergrund ist allerdings, dass die Frau über fast zehn Jahre keine Menstruation hatte und niemals mit einer Schwangerschaft gerechnet hat.
Die Frau selbst wünscht sich Kinder und hätte das Kind auch ausgetragen, wenn ihr Partner nicht rigoros dagegen gewesen wäre. Er möchte keine Kinder bekommen, was sie aber auch seit Jahren bereits weiß. Die Gefahr, dass er psychisch abstürzen würde ist hoch, denn er hat traumatische Erlebnisse von der Erziehung seines ersten Sohnes davon getragen, der von dessen Mutter misshandelt wurde und schließlich zu Pflegeeltern kam. Er hat seiner jetzigen Partnerin zwar die Entscheidung freigestellt und hätte sich auch um das Kind versucht zu kümmern, doch sein Seelenheil hätte auf der Kippe gestanden.
Es kommt hinzu, dass die Schwangere mehrere Antidepressiva einnimmt, starkes Übergewicht mit Bluthochdruck (145 Kilo, Ruheblutdruck c.a. 150/100) hat und unter Hypochondrie leidet. Keine guten Voraussetzungen für die Erziehung eines Kindes also. Seit sie den Abbruch hinter sich hat, geht es ihr richtig gut, sie ist erleichtert und zeigt keinerlei Anzeichen von Trauer. Entsprechend harsch ist die Reaktion der Personen, die davon wissen.
Es wird allgemein wohl angenommen und sogar vorausgesetzt, dass es der Frau nach dem Schwangerschaftsabbruch schlecht gehen muss. Argumente wie, dass in der siebten Schwangerschaftswoche maximal eine 1cm. große Frucht vorhanden war, die noch nichts menschliches aufwies, zählen hier nicht. Findet ihr es moralisch verwerflich, wenn eine Frau den Schwangerschaftsabbruch gut wegsteckt und nicht in Trauer verfällt, zumal es für sie subjektiv keine Alternative gab?
Es steht hier Außenstehenden nicht zu, sich irgendwie zu äußern! Das ist ja noch nicht mal dem potentiellen Vater gestattet - weshalb er sein "rigoroses" dagegen sich auch hätte schenken können. Wenn man also "moralisch" argumentiert, dann verhält sich das Umfeld unmoralisch, indem es der Frau irgendwas vorhält, was als Vorwurf interpretierbar ist. Die Frau hat sich zu einem Abbruch der Schwangerschaft entschieden. Das ist ihr Recht und niemand hat auch nur den Hauch einer Berechtigung, diesen Vorgang zu kommentieren.
Jetzt nach dem Abbruch auch noch ein vorgefertigtes Verhaltensmuster zu verlangen oder zu erwarten, geht bzgl. der Fremdsteuerung ja noch einen Schritt weiter. Da verstehe ich nicht, wie diese Hüter der Moral darauf kommen, selbst das Maß aller Dinge zu sein und wieso sie glauben wissen zu müssen, wie man sich nach dem Schwangerschaftsabbruch zu verhalten hat? Auch so was ist zutiefst "moralisch verwerflich" und diese Menschen sollten schleunigst darüber belehrt werden, was den Menschen so einmalig macht!
Ich bin auch der Meinung, dass man über die Frau und ihr Vorgehen nicht wirklich kommentieren sollte oder es zumindest auch nicht beurteilen sollte. Jeder Frau ist doch freigestellt, ob Sie nun einen Schwangerschaftsabbruch vornimmt oder die Schwangerschaft bis zum Ende ausführt. Da hat nun keine Person ein Mitspracherecht, noch nicht einmal der potenzielle Vater. Die Entscheidung liegt doch eigentlich ganz alleine in der Hand von der schwangeren Frau.
Ich persönlich finde es auch nicht moralisch verwerflich, dass die Frau sich nach einem Schwangerschaftsabbruch besser fühlt und erleichterter ist. Es ist ja nun mal so, dass jede Frau auf ihre Bedürfnisse abgestimmt, entscheidet, ob ein Kind nun in die Situation passt oder eben auch nicht. Wenn man aber so liest, was für Probleme die Frau und der Mann haben, ist es moralisch nicht verwerflich, dass man sich gegen das Kind und für den Schwangerschaftsabbruch entschieden hat. Zu mal die Leute eigentlich nicht entscheiden sollten, ob in der Situation der Schwangerschaftsabbruch und die Reaktion der Frau moralisch verwerflich sind.
Die Leute, die von der Schwangerschaft und von dem Schwangerschaftsabbruch wussten, werden sicherlich Leute aus dem näheren Umfeld sein. Normalerweise sollten diese Leute doch die Situation des Mannes und der Frau kennen und eigentlich sollten diese Leute, die urteilen, auch verstehen, weshalb die Frau nach dem Schwangerschaftsabbruch erleichtert ist. Ich frage mich, ob diese Leute es nicht auch moralisch verwerflich gefunden hätten, wenn die Frau die Schwangerschaft bis zum Ende mitgemacht hätte und das Kind dann groß gezogen hätte.
Ich sehe das ebenso, dass es der Freundin meiner Schwester allein zusteht, darüber zu urteilen, denn sie hat sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. Dennoch sind es gerade die vermeintlichen Freunde und Verwandte, die mit der Entscheidung nicht zufrieden sind. Doch auch in einem anderen, öffentlichen Forum wurde die Frau sehr schlecht dargestellt, obwohl sie nur einen Rat zum Eingriff selbst haben wollte.
Sie hat den Abbruch bewusst in lokaler Betäubung machen lassen, um sich mit dem Prozess auseinander zu setzen. Sie hat das nicht als Verhütungsmittel angesehen, wie es ihr unterstellt wird, doch auch die Mordkeule wird sehr oft in ihrem Umkreis geschwungen. Es wird von der Frau erwartet, dass sie trauert und bei jedem Kinderwagen den sie sieht, in Tränen ausbricht, stattdessen unternimmt sie viel mit ihrem Partner und sieht in die Zukunft.
Die Tatsache, dass sie noch ein Kind haben möchte, stößt ebenfalls auf absolute Ablehnung, denn es fallen Argumente in der Hinsicht, dass sie kein Recht mehr auf ein Kind hat. Sie möchte vor der bewussten Schwangerschaft aber alle Medikamente absetzen und ihr Gewicht unter 100 Kilo bringen, um die Schwangerschaft für sie und das Kind sicher zu gestalten, ich finde das moralisch sogar begrüßenswert, denn das Risiko für das Ungeborene, durch die Tabletten, war definitiv da.
Ich persönlich bin ja gegen Abtreibung, sehe aber durchaus, dass es gewisse Situationen gibt, in denen eine solche gerechtfertigt ist, ich bin da nicht dogmatisch. Ich denke, das muss jeder für sich selber entscheiden, würde es aber zum Beispiel von engen Freundinnen nicht unbedingt wissen wollen, auch wenn ich sie nicht verurteilen würde.
Von jemanden in einer bestimmten Situation eine ganz bestimmte Reaktion zu erwarten finde ich vermessen, habe das aber auch schon erlebt: als meine Mama starb, warfen mir manche Menschen vor, dass ich bei der Beerdigung nicht geweint habe und halten mich deswegen für eiskalt. Man kann aber Menschen nicht hinter den Kopf sehen und weiß nicht, was im Inneren desjenigen vor sich geht und warum jemand so reagiert, wie er es tut und nicht anders.
Wenn diese Freundin gut mit der Abtreibung klar kommt, dann finde ich, dass sie Glück gehabt hat, denn viele Frauen bekommen seelische Probleme, vor allem wenn eigentlich ein Kinderwunsch besteht. Grundsätzlich würde ich selber eine Abtreibung absolut für mich behalten, denn viele Menschen reagieren darauf leider ablehnend und verurteilend. Ich fürchte, sie muss da nun durch und sich ein dickes Fell zulegen.
Die beiden haben scheinbar wirklich keine guten Vorraussetzungen ein Kind zu erziehen, oder ein gutes Beispiel zu sein. Ich finde immer, man muss es den betroffenen Personen selber überlassen, was sie machen.
Da aber zu 90% Menschen abtreiben, die das Kind ja nun wirklich nicht möchten, aus irgendwelchen Gründen, bauen diese ja auch gar keine Bindung zu dem Kind auf, warum sollte sie also jetzt trauern? Ich persönlich könnte mir gar keine Abtreibung vorstellen. Und für mich ist es auch keine Frucht, sondern mein Baby, was da ran wächst. Mich würde die Abtreibung noch nach Jahren einholen.
Vorwerfen würde ich den beiden trotzdem nichts. Und bezüglich seines Sohnes, das hätte er als Vater wohl klären hätte können. Fürchterlich solche Personen.
Ich würde an deiner Stelle hinter deiner Freundin stehen. Schließlich ist es ihre Entscheidung gewesen.
Ich finde es auch absolut nicht gerechtfertigt, wenn andere Menschen sich ein Urteil bilden, denn sie sind nicht selbst in dieser Lage, können somit auch nicht nachempfinden, wie es deiner Freundin geht. In ihrem Fall scheint es einfach die beste Lösung gewesen zu sein, denn man möchte einem Kind Perspektive bieten können und ein gutes Elternhaus.
Manche könnten jetzt natürlich behaupten, dass sie es hätte austragen können und dann zur Adoption freigeben hätte können. Aber ob das eine gute Lösung für das Kind ist, wage ich zu bezweifeln. Niemand hat das Recht schlecht über sie zu reden, oder über die beiden zu urteilen. Zumal sie unter den Umständen definitiv nicht damit rechnen konnte schwanger zu werden. Auch das Argument von manchen, dass man in eine solche Situation reinwachsen kann, halte ich für fadenscheinig. Schließlich wollten es beide, so wie es sich mir darstellt von Anfang an nicht.
Das jemand nach einer Abtreibung trauern muss, sei dahin gestellt. Dies ist schließlich jedem selbst überlasen, auch kann man keine Emotionen diesbezüglich, in die Eine, oder andere Richtung erwarten. Wenn man das Kind nicht möchte und sich für den Abbruch entscheidet, gibt es keinen Grund zu trauern.
Ich könnte mir nicht vorstellen abzutreiben, wenn mein Kind soweit gesund ist, von Beginn an. Aber das kommt eben auch auf die Umstände drauf an. Wäre ich in der gleichen Situation gewesen wie deine Freundin, ich weiß nicht, ob ich mich dann vielleicht auch gegen das Kind entschieden hätte.
Stärke ihr den Rücken, wenn es die anderen Leute schon nicht machen und respektiere ihre Entscheidung. Sie soll sich bloß nicht wegen solch blödsinnigem Gerede fertig machen lassen.
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