Ab wann ist es legitim eine zweite Arztmeinung einzuholen?
Denkt ihr, dass es immer legitim ist eine zweite Arztmeinung einzuholen? Der Kollege meines Mannes geht nämlich bei jedem "Wehwehchen" nicht nur zu einem Arzt, sondern gleich zu zwei oder drei Ärzten um die Meinungen dann miteinander zu vergleichen, damit nichts übersehen wird, wie er immer sagt. Er meint, dass 4 Augen und 6 Augen mehr sehen als 2 und deswegen geht er, damit nichts verschleppt wird zu einem zweiten oder gar dritten Arzt.
Geht ihr generell zu einem zweiten oder gar dritten Arzt? Warum macht ihr das und wann findet ihr es legitim zu einem zweiten oder dritten Arzt zu gehen um eine zweite oder dritte Meinung einzuholen?
Legitim ist es natürlich immer. Wenn man das gerne machen möchte, um sicher zu gehen, soll man ruhig machen. Den Ärzten gegenüber braucht man kein schlechtes Gewissen haben. Es hat nichts damit zu tun, dass man sie für schlecht hält. Sonst würde man wohl gar nicht hingehen. Man belastet im Grunde genommen das Gesundheitssystem, obwohl es nicht wirklich nötig wäre. Man nimmt sozusagen anderen Patienten die Termine weg.
Aus diesen Gesichtspunkten würde ich nicht wegen jedem Wehwehchen zu zwei oder drei Ärzten gehen. Auch meine Zeit wäre mir dafür zu schade und so gerne bin ich nun auch nicht beim Arzt. Ich denke, bei den meisten kleinen Erkrankungen ist es auch wirklich nicht nötig. Ich hoffe doch sehr, dass jeder Arzt der Welt eine Mandelentzündung erkennen kann.
Bei schwerwiegenderen Erkrankungen kann ich es sehr viel besser verstehen. Aber auch da würde ich wohl nicht automatisch eine zweite Meinung einholen, sondern erst, wenn ich mich mit der ersten Meinung unwohl fühle. Wenn ich mich schlecht beraten fühle oder wenn ich einfach aufgrund der emotionalen Belastung jede Möglichkeit ausschöpfen will.
Wie unterschiedlich sind denn die Meinungen, die der Kollege deines Mannes bei seinen vielen Ärzten einholt? Er müsste da ja schon eine sehenswerte Statistik aufzuführen haben.
Die Frage ist ja ob die "Wehwehchen" des Kollegen wirklich welche sind. Es gibt natürlich Menschen die gerne übertreiben, andererseits gibt es auch viele die keine große Ansage machen selbst wenn sie sehr große Einschränkungen haben. Manchmal sind die Beschwerden auch einzeln gering, treten aber in solcher Menge auf dass sie einem schweren Beschwerdebild gleichen können.
In der heutigen 3-Minuten-Medizin ist es wesentlich wahrscheinlicher dass ein (Haus-)Arzt eine gravierende Krankheit übersieht als dass er sie diagnostiziert. Eine Anamnese findet heute nur noch in den seltensten Fällen statt so dass nur noch ein kleiner Bereich, nämlich das aktuelle Befinden, zur Diagnostik herangezogen wird und der große Bereich der Vorerkrankungen oft gänzlich ausgeschlossen wird. So haben Ärzte gute Chancen alles, was sich im Blutbild niederschlägt, zu finden, alles was deutliche Symptome zeigt, und alles was akut und aus einem nachvollziehbaren Grund entstanden ist. Das ist ein großer Teil der Erkrankungen so dass man mit Erkältung, Grippe, Allergien vom Soforttyp, Verletzungen, Diabetes und einigen eindeutigen psychischen Störungen relativ sicher sein kann die passende Diagnose zu erhalten.
Hat der Patient das Pech an Unverträglichkeiten, Schilddrüsenstörungen, Autoimmunerkrankungen, Allergien vom Spättyp, eigentlich generell an chronischen Beschwerden zu leiden die oft nur sehr unspezifische Symptome zeigen (hier ein Wehwechen, da eins und da noch eins) dann ähnelt die Diagnosestellung einem Ratespiel und der Patient tut gut daran den Zusatzjoker zu ziehen. Oft ist es schon ein Glücksspiel ob der Hausarzt zu dem passenden Facharzt überweist, ob dieser dann die richtige Intuition hat und ob die nötigen Diagnosemethoden von der Krankenkasse gezahlt werden.
Bei mir hat es schon einmal mehrere Monate gedauert bis eine erhebliche Störung in einem Ellbogengelenk diagnostiziert wurde. Dazu gab es eine Rundreise vom Hausarzt zum Orthopäden, zum Chirurgen im Krankenhaus, einem weiteren Orthopäden bis zum Neurologen der dann die Diagnose stellte. Einem Amtsarzt wiederum reichte ein kleiner Test zur Bestätigung, dieser kannte sich aber mit der Erkrankung aus. Diese Odyssee ging nun nicht von mir aus sondern ergab sich aus den verschiedenen Überweisungen des Hausarztes und der Fachärzte, aber es ist durchaus üblich dass Diagnosestellungen mehrere Jahre bis Jahrzehnte dauern können wenn es nicht gerade um Diabetes, Bluthochdruck, Herzbeschwerden und ähnliche Erkrankungen geht die routinemäßig untersucht werden und die typische Beschwerdebilder zeigen.
Generell kommt es dem Steuerzahler günstiger wenn besonders chronische oder Systemerkrankungen erkannt werden als wenn nicht behebbare Folgeschäden entstehen die dann zwar oft nicht von der Krankenkasse sondern der Rentenkasse oder der Arge bezahlt werden aber dennoch die Allgemeinheit belasten.
Ich gehe eigentlich nur zu einem Arzt und bisher war es bei mir noch nicht oft nötig, eine weitere Meinung einzuholen. An sich kann ich Menschen verstehen, die das machen, aber die Zeit hätte ich auch gar nicht, wegen jeder Beschwerde direkt zu mehreren Ärzten zu laufen. Ich würde auch nicht immer direkt mehrere Ärzte konsultieren, sondern nur dann, wenn die Behandlung des ersten Arztes zu keinem Erfolg führt und ich das Gefühl habe, dass die Diagnose vielleicht nicht die richtige war.
Ich würde es also von der einzelnen Situation abhängig machen, ob es wirklich nötig ist, noch einen Arzt zu befragen. Wenn der Kollege deines Mannes aber schon mal schlechte Erfahrungen mit einer Falschbehandlung durch eine falsch gestellte Diagnose gemacht hat, dann verstehe ich es, dass er mehrere Ärzte bei einem Problem konsultiert. Vielleicht ist er aber auch nur übervorsichtig oder ein Hypochonder, was dieses Verhalten auch erklären würde. Dann wird es für die Ärzte schwierig, weil er sie sicher oft aufsucht.
Karteileiche hat geschrieben:Hat der Patient das Pech an Unverträglichkeiten, Schilddrüsenstörungen, Autoimmunerkrankungen, Allergien vom Spättyp, eigentlich generell an chronischen Beschwerden zu leiden die oft nur sehr unspezifische Symptome zeigen (hier ein Wehwechen, da eins und da noch eins) dann ähnelt die Diagnosestellung einem Ratespiel und der Patient tut gut daran den Zusatzjoker zu ziehen.
Genau, statt dem Arzt zu vertrauen, der einen jahrelang kennt, so wie es gewöhnlich beim Hausarzt ist, geht man lieber zu 2 oder 3 anderen einem bisher unbekannten Ärzten, damit diese in 3 Minuten etwas herausfinden sollen, was man eigentlich nur findet, wenn man den Patienten schon lange kennt.
Gerade dein Satz mit der 3Minutenmedizin pauschalisiert doch viel zu sehr. Das mag beim Facharzt stimmen, aber beim Hausarzt eben nur bedingt. Dieser mag dich vielleicht nur kurz behandeln und untersuchen, aber er macht das eben gerade beim chronisch kranken Patienten über Jahre und kennt damit schon die Krankengeschichte und kann durchaus auch vergleichsweise unwichtige Symptome einordnen.
Selbst aus deinem eigenen Erleben würde ich ja eher schließen, dass es mehr Sinn macht, dem Hausarzt zu vertauen, statt gleich zu irgendwem anderen zu rennen. Deine Erkrankung wurde zwar erst spät diagnostiziert, aber eben schlussendlich erkannt wurde, weil du zu den vermeindlichen Spezialisten dafür weitergeschickt wurdest und nicht immer sofort einfach zum nächstens Hausarzt.
Manchmal mag es durchaus sinnvoll sein sich eine zweite Meinung zu holen, aber die Arztbesuche bei denen sich daraus tatsächlich eine Konsequenz ergibt sind doch relativ gering. Bei Leuten die wegen jedem Wehwechsen gleich zu zwei oder drei Ärzten gehen, habe ich eher den Verdacht, dass diese entweder Hypochonder sind oder hoffen bei einem der Ärzte einen Krankenschein zu bekommen.
Also ich finde, dass man immer das Recht hat sich eine zweite Meinung einzuholen. Und das ist auch wichtig. Gerade heute Abend habe ich im Fernsehen wieder eine Frau gesehen, bei der fälschlicherweise Lungenmetastasen diagnostiziert wurden. Sie wurde damit konfrontiert, dass sie nur noch Monate zu leben hätte. Sie erhielt wieder Chemotherapien, fing an sich ihre eigene Beerdigung zu organisieren. Bis sich schlussendlich herausstellte, dass es sich bei ihrem Lungenbefund zwar um eine chronische Erkrankung handelte, jedoch nicht um Metastasen. Dies stellte sich nur heraus, da sie zu einem anderen Arzt ging, weil sie dort früher einen Kontrolltermin bekam.
Auch ich habe schon erlebt, dass es durchaus sehr sinnvoll sein kann, wenn man sich eine andere Meinung einholt, wenn es um ärztliche Diagnosen handelt. Ich selbst bin relativ gut bewandert aufgrund meiner medizinischen Ausbildung. Also merkte ich irgendwann, dass etwas mit mir nicht stimmen konnte. Ich war immer müde, hatte immer mehr zugenommen, obwohl ich wirklich nicht im übertriebenen Maße esse, war launisch geworden und fror immer öfter. Also ließ ich meine Schilddrüsenwerte kontrollieren. Das Ergebnis lautete, dass ich unter einer Schilddrüsenunterfunktion leide. Die Ärztin wollte jedoch nichts medikamentös behandeln, solange ich keinen Kinderwunsch aktuell hätte. Und das, obwohl ich ja aufgrund von klinischen Symptomen erst darauf aufmerksam wurde und zum Arzt ging. Es wurde nach einigen Monaten eine Kontrolle gemacht und auf einmal hieß es, ich hätte doch nichts. Das war mir zu suspekt. Also konsultierte ich eine andere Ärztin. Diese stellte fest, dass ich doch unter einer Unterfunktion leide und stimmte auch gleich einer medikamentösen Behandlung zu. Jetzt geht es mir deutlich besser.
Es lohnt sich also oft nicht auf die Meinung eines "Halbgotts in weiß" zu vertrauen sondern den Dingen noch einmal selbst auf den Grund zu gehen. Immerhin hängt oft einiges von einer einzigen Diagnose ab. Auch Ärzte machen Fehler, sie sind ja auch nur Menschen.
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