Organtransplantation: Alkoholiker muss 6 Monate trocken sein

vom 20.01.2014, 23:55 Uhr

Organtransplantationen unterliegen strengen Richtlinien, das ist klar. Eine davon ist, das habe ich vorhin gelesen, dass alkoholkranke Empfänger eines Spenderorgans seit mindestens sechs Monaten, vom Operationsdatum aus rückwirkend gezählt, keinen Alkohol mehr konsumiert haben dürfen. Das liest man wohl oft im Zusammenhang mit Spenderlebern, die möglicherweise erst fällig geworden sind, weil die alte Leber durch die Alkoholkrankheit irreparabel geschädigt worden ist. Ob es auch für die Transplantation von anderen Organen gilt, weiß ich nicht. Vielleicht hat ja jemand hier etwas mehr Ahnung davon und kann Auskunft darüber geben.

Besonders aber würde mich auch interessieren, wieso es diese 6-Monats-Richtlinie überhaupt gibt. Geht es darum, dass man befürchtet, dass die Spenderleber bei einem Alkoholkranken, der weiter große Mengen an Alkohol trinkt, nach kürzester Zeit wieder ruiniert wäre? Meint man, dass es angemessener wäre, anderen Personen in so einem Fall eine Spenderleber zuzuweisen? Oder ist es vielleicht so, dass das Spenderorgan schlechter angenommen wird, wenn weiterhin Alkohol konsumiert wird? Bei Organtransplantationen besteht ja oft die Gefahr, dass das neue Organ vom Körper abgestoßen wird. Möglicherweise ist die Gefahr bei einem Alhokolkranken oder einfach bei einer regelmäßigen größeren Konsummenge von Alkohol größer?

Und was passiert eigentlich, wenn ein Alkoholiker vor dem Arzt falsche Aussagen macht oder sogar ein gefälschtes Gutachten vorlegt, sodass er trotz Nichteinhaltens der 6-Monats-Regel ein Organ transplantiert bekommen hat? Kann er dafür bestraft werden, und falls ja, welche Strafe ist dafür vorgesehen?

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» Wawa666 » Beiträge: 7277 » Talkpoints: 23,61 » Auszeichnung für 7000 Beiträge



Die Regelung, Alkoholkranke nur nach sechsmonatiger Abstinenz auf die Transplantationsliste zu setzen, basiert auf der Empfehlung der "amerikanischen Gesellschaft für Lebererkrankungen", die diese in den 90er Jahren veröffentlichte. Die Gründe dafür sind, der geschädigten Leber Zeit zu geben, sich zu erholen, so dass eine Transplantation womöglich gar nicht mehr nötig sein wird. Außerdem sollte der Empfänger nach der Transplantation möglichst trocken bleiben. Durch die sechs Monate hat er seine Bereitschaft und seine Fähigkeit dazu unter Beweis gestellt.

Die Heilung der Leber ist wissenschaftlich belegt. Sie tritt oft innerhalb von drei Monaten ohne Alkohol ein, aber natürlich nicht immer. Dass eine sechs Monate anwährende Abstinenz eine Garantie für lebenslange Abstinenz ist, ist natürlich nicht der Fall. Kurzfristige Rückfälle und Alkoholkonsum schädigen das Transplantat nicht, aber wenn der Empfänger dauerhaft wieder trinkt, ist das Transplantat in akuter Gefahr. Die Funktion ist sowieso schon eingeschränkt, durch den Alkohol dann noch mehr.

Viele Länder lehnen daher diese Sechs-Monats-Regel ab. In Deutschland gab es anfangs - die ersten Regelungen zu Lebertransplantationen wurden 2000 erlassen - noch den Zusatz, dass Ausnahmen gemacht werden können, wenn dem Patienten von Psychologen bescheinigt wird, dass er die Abstinenz wirklich schaffen kann. Aber dieser Zusatz ist im Jahr 2006 ersatzlos gestrichen worden.

Die Regelungen entbehren also größtenteils wissenschaftlichen Grundlagen und sind daher auch sehr umstritten. Viele argumentieren damit, dass man es von den Spendern nicht verlangen könnte, für Alkoholiker zu spenden. Aber auch dazu gibt es keine Studie. Größtes Problem ist, dass viele Patienten diese sechs Monate einfach nicht haben. Also ist das Warten auf eine mögliche Erholung des eigenen Organs ziemlicher Quatsch.

Es wäre wohl besser, auf eine starre Regel zu verzichten. Jeder Alkoholiker ist anders. Jede Leber ist anders. Ich habe gerade von einer Patientin gelesen, deren Leber schon nach wenigen Monaten Alkoholikerdaseins schlapp machte. Sie hätte sicherlich eine bessere Chance auf Abstinenz als ein langjähriger Alkoholiker.

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» Bienenkönigin » Beiträge: 9448 » Talkpoints: 19,93 » Auszeichnung für 9000 Beiträge


Diese Regel bestimmt nicht den Zeitraum zwischen dem letzten Tropfen Alkohol und einer möglichen Operation, sondern bis man die ersten Untersuchungen für die Aufnahme in die Warteliste hat. Außerdem trifft es nicht nur Menschen die eine Alkoholsucht hinter sich haben, sondern alle Patienten die eine Lebererkrankung haben, die eventuell eine Organspende nötig haben. Ich habe das ganze Prozedere mit meinem Vater erlebt.

Dazu muss man sich dann auch zu einem niedergelassenen Psychologen begeben. Dieser erstellt dann ein Gutachten, danach kommt ein stationärer Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik. Auch wenn man dort nicht in der geschlossenen Abteilung eingewiesen wird, gibt es strenge Regeln, wie eben auch Alkoholkontrollen nachdem der Patient außerhalb der Station länger unterwegs war.

Fallen beide Gutachten positiv aus und zeigen auch die Laborwerte, dass man wirklich keinen Alkohol mehr zu sich nimmt, wird man in die Warteliste aufgenommen. Dazu wird dann auch regelmäßig kontrolliert, ob man sich daran hält. Es ist dann wirklich ein Aufwand beim Einkauf bei jedem Lebensmittel die Inhaltsstoffe zu lesen, ob da nicht doch Alkohol enthalten ist.

Übrigens kann sich die Leber wirklich wieder regenerieren. Deswegen benötigt man ja auch nur etwa ein fünftel Leber, wenn innerhalb der Familie eine Lebendspende vorgenommen wird. Bei meinem Vater war es dann auch so, dass sich durch die Medikamente eine Besserung einstellte, was regelmäßig dafür sorgte, dass man einige Medikamente immer etwas geringer dosieren konnte.

» Punktedieb » Beiträge: 17970 » Talkpoints: 16,03 » Auszeichnung für 17000 Beiträge



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