Parfum umetikettiert teurer weiterverkaufen
Ich kenne hier in der Stadt eine kleine Manufaktur, ich weiß nicht, ob ich hier irgendwelche Namen nennen sollte, oder lieber nicht, die Duftöle und auch Parfüms daraus herstellt. Die Einzelnoten werden an Parfümhersteller zur Weiterverarbeitung verkauft, und man kann sie auch als Privatperson in einem kleinen Ladengeschäft des Herstellers kaufen. Dort bekommt man übrigens auch einige schon fertig vermischte Parfüms.
Ich finde es schön, dass dieser Kleinbetrieb auch noch wirklich darauf achtet, richtige pflanzliche ätherische Öle zu verarbeiten, anstatt nur chemisch im Labor zusammengemischte Düfte. Allgemein gefallen mir viele der angebotenen Duftnoten, aus Einzelnoten kann ich schön eigene Mischungen herstellen, und auch einige der fertigen Mischungen benutze ich gerne so, wie sie beim Kauf bereits sind. Die Qualität ist einfach super, handwerklich sind die Öle sehr gelungen. Ich weiß das sehr zu schätzen und nutze das Angebot gerne.
Preislich ist der Laden auch sehr günstig. Für 10 ml zahlt man zwischen etwa fünf und sechs Euro. Dafür ist im Preis noch kein Flacon mit inbegriffen, den kann man für wenige Euro im Laden dazukaufen, oder sogar selber von zuhause mitbringen, wenn man leere Flacons besitzt. Auch sind 10 ml schon die Mindestabnahmemenge, große Parfümhersteller bestellen sich wohl ganze Liter, aber als Privatperson finde ich es schon schön, wenn man zum Testen auch mal einfach so eine kleine Menge kaufen und dann in Ruhe zuhause ausprobieren kann. Übrigens kann man sich die 10 ml auch zusammenmischen lassen, wie man es möchte. Theoretisch kann man sich auch direkt im Laden schon eine Mischung machen lassen, indem man sagt, wie viele ml man von welchem Öl zusammengemischt haben möchte.
Das wäre nun alles schön und toll. Tatsächlich habe ich an dieser Manufaktur auch gar nichts auszusetzen. Allerdings habe ich nun mitbekommen, dass es wohl eine "Parfümdesignerin" in dieser Stadt gibt, die wirklich lediglich die fertigen Mischungen bei der Manufaktur kauft, und sie dann teilweise für das Drei- bis Vierfache im Preis in ihrem Laden verkauft. Teilweise auch für das Sechsfache. Natürlich mit ihrem eigenen Etikett. Und die Medien feiern sie teilweise als große, künstlerisch begabte Parfumeurin. Dabei verkauft sie tatsächlich sehr viele der in der Manufaktur erhältlichen Düfte ohne jegliche Veränderung weiter. Nur ihr Etikett kommt drauf, und dafür kostet der Spaß dann eben annähernd 30 Euro, wobei man bei der Manufaktur für dieselbe Menge 5 Euro zahlt. Gut, bei der "Designerin" ist auch noch ein Flacon mit ihrem Etikett darauf dabei, aber das sind auch nur Materialkosten von wenigen Euro.
In künstlerischer Hinsicht ist es für mich schon total falsch, überhaupt fremde Duftmischungen mit dem eigenen Etikett zu verkaufen. Da ist keine Kunst dran, einfach nur ein Etikett aufzukleben und selber an dem Duft weder irgendetwas erdacht, noch irgendetwas selber gemischt zu haben. Schade finde ich auch, welche Aufmerksamkeit man offenbar auf diese Weise bekommen kann, wie man in den Himmel gelobt werden kann, und das, obwohl eigentlich das Lob ja wohl dem, der den Duft erdacht und gemischt hat, gebühren würde. Ich finde das irgendwie unfair und empfinde es so, dass die Person, die bloß ihr Etikett draufklebt, sich mit fremden Federn schmückt.
Aber auch gegenüber den Kunden finde ich es irgendwie etwas unschön, wenn man ihnen etwas, was sie wenige Kilometer entfernt für 5 Euro bekommen können, für 30 Euro verkauft. Sicherlich kaufen viele Händler günstig irgendwelche Sachen auf und verkaufen sie teurer weiter. Ich habe auch nichts dagegen, wenn Parfümhersteller bei der Manufaktur einzelne Öle kaufen. Aber dann mischen sie ja normalerweise selber irgendetwas daraus, und verkaufen die Sachen nicht so, wie sie sind, lediglich nach einer Umetikettierung für einen weitaus höheren Preis weiter.
Oder sehe ich das zu eng? Haltet Ihr diese Vorgehensweise für geläufig und normal, oder seht Ihr da auch irgendetwas Fragwürdiges?
Ich finde nicht, dass du das zu eng siehst. Ich kenne die Vorgehensweise beim Honig. Mein Mann ist ja Imker und wir wollen uns aber nicht auf irgendwelche Märkte stellen. Also verkaufen wir ihn in großen Mengen an andere Imker, die sich eben auf Märkte stellen und deren eigener Honig nicht ausreicht. Also füllen die ihn in Gläser ab und machen ihr Etikett drauf. Aber die verlangen dann meistens das Doppelte dafür als sie uns gezahlt haben. Aber immerhin kaufen sie die Gläser, füllen den Honig da rein und stellen sich auf den Markt. Da finde ich das Doppelte okay. Aber es liegt natürlich auch an uns. Wir könnten ihn natürlich auch viel billiger verkaufen.
Ich finde, es liegt auch ein wenig an der Manufaktur. Gut, bei Parfum ist der Endverbraucherpreis nicht so festgelegt wie bei Honig. Da ist die Preisspanne ziemlich eng gesteckt. Aber wenn man das Parfum für 30 Euro verkaufen kann, ist die Manufaktur mit 5 Euro einfach zu billig. Das ist schön für die Verbraucher, aber es verzehrt den Markt.
Aber ansonsten gebe ich die vollkommen Recht. Das Zeug dort zu kaufen und einfach selber abzufüllen und zu etikettieren ist keine Kunst. Dass sie es macht, ist erst mal kein Problem. Aber das sie nicht offen sagt, wo das Zeug herkommt, kommt einer Lüge gleich. Welche Fragen sich mir aufdrängen, sind: Darf denn jeder Parfum herstellen? Darf sich jeder Parfümeur nennen oder ist die Bezeichnung an eine Ausbildung gekoppelt? In Deutschland ist der Beruf nicht an eine Ausbildung gekoppelt. Jeder darf sich so nennen.
Aber bei der Herstellung müssen einige Gesetze, Richtlinien und Normen eingehalten werden und Bescheinigungen erbracht werden. Mich wundert es sehr, dass Journalisten da nicht genauer nachfragen. Wenn man einen Bericht verfasst, sollte man ein wenig recherchieren. Wenn die Dame nichts selber herstellt, braucht sie diese Bescheinigungen natürlich nicht.
Aber dann gebührt ihr auch das Lob nicht. Ich finde das auch ganz schön dreist. Wenn du den Mumm hast, fände ich es sehr lustig, wenn du zu ihr in den Laden gehst und sie ausfragst. Wie schwer denn die Ausbildung war? Ob sie jetzt schon international Aufmerksamkeit erregt hat? Immerhin gibt es nur wenige Tausend Parfümeure. Die müssen sich ja auch sie stürzen. Wo sie denn die Parfüme herstellt, ob sie hinten im Laden ein Labor hat?
Ach, ich kann mir gar nicht vorstellen, dass solche Fragen noch nie kamen. Erst recht nicht, weil da schon Journalisten vor Ort waren. Es ist wirklich traurig, dass sie so angibt und gar nichts dahinter steckt. Also ich kann verstehen, dass du aufgebracht bist.
Ich finde nicht, dass die Manufaktur die Preise unfairerweise drücken würde. Letztendlich ist es ein "Fabrikverkauf", wenn man es streng nimmt, und ungemischte Duftöle kosten immer so wenig. Ebenso kann man in jeder Drogerie Billig-Parfums kaufen, teilweise schon für drei Euro pro Flasche. Für sieben Euro bekommt man teilweise schon einen Flacon mit 100 ml Inhalt.
Und diese Parfums sind qualitativ nicht unbedingt schlechter, als die teuren von diversen Luxus-Marken. Letztere verballern ihr Geld hauptsächlich für die Bezahlung von "Star-Parfümeuren", die extrem teuer sind, weil sie ein hohes Ansehen in der "Szene" haben. Außerdem wird viel Geld für Werbung ausgegeben, da man für die ja auch gerne mal Prominente engagiert. Und die arbeiten nicht umsonst, sondern verlangen für Werbefotos durchaus mal mehrere Millionen Euro. Natürlich kann ein Chanel-Parfüm dann nicht für fünf Euro verkauft werden, sondern man muss schon fünfzig oder mehr pro Flasche verlangen. Die Kosten für die Inhaltsstoffe sind meistens das Geringste. Sonst könnte die Manufaktur ja auch nicht 10 ml für 5 Euro verkaufen, ohne dabei selber Pleite zu gehen.
Es ist also, wieder auf das konkrete Beispiel in diesem Thread bezogen, nicht so, dass die Manufaktur mit 5 Euro den gerechtfertigten Preis extrem unterbieten würde. Im Grunde sind die 30 Euro des anderen Ladens ungerechtfertigt. Der Materialwert mag bei vielleicht 2 Euro liegen, wenn überhaupt. Der Rest ist einfach Gewinn. Die Manufaktur gibt sich mit 3 Euro Gewinn zufrieden, Madame "Parfumeurin" will 27 Euro. Dafür klebt sie noch einmal ein feiner aussehendes Etikett auf die Flasche. Und sie hat ihren Laden in einem eher noblen Viertel. Da zahlt sie sicherlich auch viel Ladenmiete. Und die muss sie ja auch irgendwie bezahlen. Was dennoch nichts daran ändert, dass ich es fragwürdig finde, fremde Parfüms überteuert mit eigenem Label weiter zu verkaufen.
Wie es in Deutschland rechtlich mit der Parfümherstellung aussieht, weiß ich nicht. Zusammenmischen kann theoretisch jeder etwas, das mache ich auch selber manchmal, allein für meinen eigenen Gebrauch. Ob man es dann auch verkaufen kann, ohne vorher nachzuweisen, dass die Mixtur gesundheitlich unbedenklich ist, weiß ich aber nicht. Aber "Parfümeur" ist definitiv keine eingetragene, geschützte Berufsbezeichnung.
Übrigens haben über diesen Laden wohl auch schon internationale Modemagazine berichtet. Diese zitiert die "Parfümeurin" auch stolz auf ihrer Website. Woher ihre Ware stammt, wird dort natürlich nicht erwähnt. Aber mich wundert es ehrlich gesagt auch gar nicht, dass die Journalisten kaum nachfragen, was eigentlich Sache ist. Gerade um Hintergründe, wie eine Ausbildung, wird eher wenig berichtet. Eher geht es darum, wie gut die Düfte seien und wie edel die Boutique aussähe, wo sie verkauft werden.
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