Taubblind - Menschen, die ein schweres Schicksal erleiden
In einem Thread wurde schon gefragt, was schlimmer ist, taub oder blind zu sein. Nun, ich finde beides schlimm. Aber wenn dann noch jemand das Unglück hat, weder etwas zu sehen, noch etwas zu hören, ist er wirklich arm dran. Ein solcher Mensch ist lebenslang auf Hilfe angewiesen. Ist der Mensch schon taubblind geboren worden, hatte er nicht einmal die Möglichkeit, die Sprache etwas zu erlernen. Diese totale Stille, die ihn umgibt und nicht zu wissen, wo man ist, stelle ich mir ganz schrecklich vor. Die räumliche Orientierung fehlt. Es gibt mehrere Möglichkeiten mit ihnen in Kontakt zu treten, unter anderem mit der Gebärdensprache. Trotz dieser schweren Behinderung meistern auch sie ihr Leben.
Kennt ihr solche Menschen, die dieses Schicksal erleiden? Wie gehen sie damit um? Haben sie eine ständige Begleitung? Wie meistern sie den Haushalt?
Meine Mutter hat in den 70er Jahren mal ein Praktikum in einer Psychiatrie im Rahmen ihres Psychologiestudiums absolviert. Dabei ist ihr eine Patientin aufgefallen, die irgendwie auf eine nicht "verrückte" Art abwesend war. Die Akte der Patientin war sehr dünn und gab nicht viel Auskunft. Mit der Zeit stellte meine Mutter fest, dass diese Frau wirklich nicht verrückt, sondern "nur" taub und blind war.
Meine Mutter hat recherchiert und ist auf eine Sprache für Taubblinde gestoßen. Dabei malt man sich gegenseitig Zeichen auf die Handfläche. Sie haben dann gemeinsam diese Zeichen gelernt, aber die Frau war ganz schnell viel besser als meine Mutter, weil sie ja viel mehr Gefühl in den Fingerspitzen hatte. Meine Mutter hat dann dafür gesorgt, dass die Frau in ein Altenheim verlegt wurde. Sie war zwar noch nicht alt, aber noch weniger war sie verrückt.
Die Sprache heißt Lormen. Dabei tippt man die Fingerspitzen an oder fährt die Finger entlang oder macht dies an bestimmten Stellen auf der Handfläche. Wenn sich zwei so unterhalten, sieht es aus, als würden sie sich einfach ein wenig die Hände krabbeln im Spaß. Leider gibt es aber auch wieder mehrere Sprachen und nationale Unterschiede. Wie bei Blinden auch muss halt der Gesprächspartner auch diese Sprache können. Ich denke, das ist der eigentlich beschränkende Faktor. Aber wenn sie diese Hilfe haben, können sie wenigstens z.B. an einem Fließband oder in einer Behindertenwerkstatt arbeiten.
Die Stille ist für einen Taubblinden, der taub geboren wurde, ganz normal. Man kann ihm Musik erklären und durch Bässe kann er sie auch fühlen. Aber ich glaube nicht, dass ihm Geräusche wirklich fehlen und er die Stille als unangenehm empfindet. Aber sicherlich machen manche Geräusche den Alltag einfacher. Im Haushalt stört die Taubheit aber nicht zusätzlich. Da stehen sie genauso da wie "nur" Blinde. Wenn alles an seinem Platz ist, finden sie sich zurecht. Die Brailleschrift hilft auch. Ich denke, wenn ab und zu mal jemand vorbeikommt, der gründlich sauber macht, schafft ein Taubblinder den Haushalt und auch das Alleinleben.
Sicherlich ist es ein hartes Schicksal und ich wünsche es niemanden. Aber wenn man so geboren wurde und die Eltern zur Selbständigkeit erziehen und das Kind fördern, ist es auf jeden Fall zu meistern.
Mein Thread über Lormen hat sich mit deinem Beitrag auf diesen Thread überschnitten. So kommt es, dass du schon ein paar Fragen, die für mich interessant waren, beantwortet hast, bevor sie für dich sichtbar im Forum waren. Super! Aber was du schreibst, ist für mich traurig. Dass noch in den siebziger Jahren solche Menschen einfach in die Psychiatrie eingewiesen wurden, ist wirklich hart. Menschen, mit denen man nicht sofort zurecht kommt, kann man doch nicht einfach einsperren. Aber so war das früher und ist auch teils heute noch nicht anders.
Da hatte diese Frau ja direkt etwas Glück gehabt, dass jemand mit einem noch nicht abgeschlossenen Psychologiestudium ihr helfen konnte. Die Mühe haben sich die Ärzte und Professoren nicht gemacht. Sehr traurig! Da konnte deine Mutter ja wirklich helfen. Und wenn sie dann noch die Mühe auf sich genommen hat, Lormen zu erlernen, hat sie wirklich etwas geleistet, alle Achtung! Das macht bestimmt nicht jeder für eine angeblich psychisch kranke Patientin. Danke für deine Ausführungen.
Für Menschen die kennen gelernt haben zu sehen und zu hören, für die ist es natürlich ein ganz schlimmes Schicksal. Ich könnte mir das nicht vorstellen. Schon allein blind zu sein, wäre für mich nicht akzeptabel und ich würde mir ernsthaft Gedanken machen, ob ich so weiter leben will. Wäre ich taub und blind, dann würde ich mir nicht einmal Gedanken machen. Ganz wenige Personen erwerben ja dieses Schicksal.
Im Fernsehen wurde über ein Opfer eines Bombenanschlages berichtet. Bei der Detonation verlor der Mann sein Augenlicht und die Hörfähigkeit. Aber statt, wie ich, schwarz zu malen war er einfach nur froh, dass er überlebt hat und betrauerte weniger seinen Verlust.
Und Menschen, die schon immer blind und taub sind, die kennen es eben nicht anders. Aber ich stelle es mir wirklich schwer vor, ihnen das Lormen bei zu bringen. Die müssen ja erst einmal lernen, sich mitzuteilen und zu verstehen, dass man etwas von ihnen will. Wenn man weder hört noch sieht, ist das sicherlich schwierig. Man lebt ja schon meistens in seiner eigenen Welt.
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