Überbelegung, so dass Patienten auf dem Flur schlafen
Momentan habe ich das Gefühl es wird immer schlimmer. Überall höre ich nur wie voll die Psychiatrien und geschlossenen und offenen Einrichtungen sind. Immer öfter komme ich auf eine Station und es ist so, dass dann rechts und links neben dem Dienstzimmer Betten stehen, weil einfach kein Zimmer frei ist, die Leute aber auch nicht mehr woanders untergebracht werden konnten. Wenn es sich mal um ein Bett handelt und am selben Tag noch eines frei werden soll, dann ist dies ja noch okay, allerdings war das schlimmste bisher 5 frei stehende Betten ohne Zimmer.
Richtig schockiert hatte mich aber letztens die Kinder- und Jugendstation. Da haben 3 Kinder über mehrere Tage kein Zimmer gehabt und mussten dann im Aufenthaltsraum schlafen. Das Schlafen an sich ist ja gar nicht das Problem, aber gerade diese Kinder, die doch auch ihre Ruhe und Rückzugsorte brauchen haben dann gar keinen. Sie können sich ja tagsüber nirgendwohin zurückziehen, denn ihr Zimmer ist ja quasi der Aufenthaltsraum wo sich tagsüber alle Kinder aufhalten.
Nun habe ich mir überlegt wie sauer ich wäre, wenn es sich hierbei um mein Kind handeln würde. Klar kann man die Kinder nicht einfach abweisen und kilometerweit wegschicken, aber so ist es doch dauerhaft auch keine Lösung. Wie würdet ihr als Patient, Angehöriger, oder Elternteil auf so eine Situation reagieren? Bei wenigen Tagen habe ich ja Verständnis, aber eben nicht bei Wochen wie es doch manchmal der Fall ist. Was ist am Ende die Ursache? Leider wie immer das Geld.
Natürlich fände ich die Situation auch nicht schön, aber ich würde ruhig bleiben. Wen will man dafür auch anschreien? Das Pflegepersonal kann nun wirklich überhaupt nichts dafür. Die leiden selbst unter solchen Zuständen und wie es ihre Arbeit erschwert.
Eine Freundin von mir arbeitet in der städtischen Psychiatrie. Dort können sie auch keinen Patienten abweisen. In Privatkliniken machen die das ja einfach. Aber wenn man keinen abweisen kann, muss man eben improvisieren. So kommen Patienten dort oft auf die falsche Station. Das Haus ist leider Denkmalgeschützt, was Erweiterungen und Renovierungen erschwert.
Außerdem ist es wahrscheinlich schwierig den zukünftigen Bedarf an Pflegeplätzen vorherzusagen. Man kann ja auch nicht einfach ein viel zu großes Gebäude bauen und dann abwarten, ob sich das jemals füllt. Zudem sind die Patienten von Psychiatrien nicht gerade beliebt. Man macht sich also in der Politik keine Freunde und findet keine Mitstreiter, wenn man auf diese Missstände hinweist und mehr Geld verlangt. Dafür interessiert sich keiner und es ist auch kein medienwirksames Wahlthema.
Du hast es erfasst, das Geld spielt für diese Überbelegung eine große Rolle. Viele Krankenhäuser funktionieren heute wie eine Art Firma, in der es nur noch um den Gewinn geht. Das beste Beispiel, was mir gerade einfällt, um den Unterschied zwischen früher und heute zu veranschaulichen, ist mein Vater. Im Jahr 2004 hatte er seinen ersten Schlaganfall, mit dem er zwei Wochen im Krankenhaus verbrachte. Schließlich wurde dieser Zeitraum auch noch von den Krankenkassen bezahlt. 2011 bekam er einen deutlich schlimmeren zweiten Schlaganfall, und verließ das Krankenhaus nach nur einer Woche.
Verantwortlich für dieses Desaster ist einfach die Politik und zwar in zweierlei Hinsicht. Zuerst ist die Politik maßgeblich dafür verantwortlich, dass unser Gesundheitswesen immer weiter an Qualität verliert. Das kommt davon, wenn man die Krankenhäuser indirekt dazu zwingt, immense Kosten einzusparen und somit zu einer Überbelegung zu zwingen, damit diese überhaupt noch ihre Kosten bewältigen können. Auch die Unterscheidung zwischen Kassenpatient und Privatpatient finde ich völlig falsch. Die Krankenhäuser wollen es zwar nicht zugeben, aber ich bin mir sicher, dass kein Privatpatient auf dem Flur schlafen muss. Es wird endlich Zeit, dass die privaten Versicherungen mit den gesetzlichen zusammengelegt werden, damit diese Zweiklassen-Medizin ein Ende hat!
Hinzu kommt noch ein weiteres Problem, welches ebenfalls durch die Politik verursacht wird. Dazu muss man sich nur einmal anschauen, wie die Zahl der psychisch Kranken immer weiter ansteigt. Dies geschieht bestimmt nicht grundlos! Unser Arbeitsmarkt ist einfach nur ein erbärmlicher Witz geworden. Viel zu viele Menschen sind von Leiharbeit und befristeten Verträgen betroffen, der Konkurrenzdruck wird immer größer. Viele gehen zudem für einen Lohn arbeiten, der einfach viel zu gering ist, um davon anständig leben zu können. Das schürt neben Existenzängsten auch Selbstzweifel, sodass auf lange Sicht gesehen psychische Erkrankungen entstehen müssen. Denkt man nun noch weiter, was viele Menschen in Deutschland leider überhaupt nicht machen, dann merkt man, dass nicht nur die Erwachsenen davon betroffen sind, sondern auch deren Kinder.
Es gibt immer mehr Kinder, mit psychischen Erkrankungen, die in einem katastrophalen sozialen Umfeld groß werden müssen. Klasse, genau so sorgt man dafür, dass sich die Gesellschaft zum Guten verändert, nicht wahr, liebe Regierung? Wer mir den letzen Punkt mit den Kindern nicht glauben will, der sollte sich folgendes überlegen. Wieso kommen immer mehr Kinder in ein Heim oder werden in Pflegefamilien großgezogen? Bestimmt nicht, weil es den richtigen Eltern besonders gut geht und sie in der psychischen Verfassung sind, um sich um ihre Kinder so zu kümmern, wie sie es gerne täten.
Ich will jetzt hier nicht allzu politisch werden, aber an der Situation in den Krankenhäusern und in der Gesellschaft an sich würde sich bereits vieles ändern, wenn man einfach wieder mehr Geld investieren und sozial gerecht handeln würde. Davon sind wird aber leider noch weit entfernt.
Daher gibt es nur zwei verschiedene Möglichkeiten, wie ich reagieren würde. Als erstes würde ich mich dafür einsetzen, dass mein Kind ein Zimmer bekommt. Ist dies nicht möglich und müsste mein Kind lange in der Klinik bleiben, würde ich es im Ernstfall in einem anderen Krankenhaus unterbringen lassen. Als zweites würde ich wählen gehen und meine Stimme einer Partei geben, der ich persönlich eine positive Veränderung zutraue.
Natürlich liegt es mal wieder am lieben Geld und das Personal dort kann auch sicherlich nichts dafür, weil das dort ja auch sicherlich eine Chefetage entschieden hat und nicht jeder einzeln befragt wurde. Wenn man selber auf dem Gang schlafen muss ist es eben so, aber ich kann nicht nachvollziehen, warum man das Ganze nicht vergrößern kann, wenn es immer der Fall ist. Sind die anderen Stationen auch so überbelegt? Im Krankenhaus ist es ja oftmals so, dass die Patienten dann einfach auf eine andere Station abgeschoben werden.
Was ich aus meiner alten Heimat gehört habe ist aber wirklich noch schlimmer. Da werden die frisch operierten einfach auf den für jeden zugänglichen Ganz geschoben, nicht mal zugedeckt und liegen da einige Zeit. Für mich ist das dann auch eine Sache der Hygiene und ich denke nicht, dass man sich so etwas auf Dauer leisten kann. Überbelegung ist eine schlimme Sache, als Patient muss man damit leben. Ich würde mich nicht beschweren, die Leute können ja auch nichts dafür.
Das Problem ist eben, dass zum Beispiel ein Uniklinikum keine Patienten ablehnen darf. Wenn aber einfach schon genug Patienten da sind, dann muss man sich etwas einfallen lassen. Ich halte davon auch gar nichts, allerdings hätte ich ehrlich gesagt auch keine Lösung für dieses Problem. Und einfach mal mehr Betten irgendwo her organisieren geht natürlich auch nicht.
Du hast aber vollkommen Recht. Gerade in Psychiatrien ist das natürlich ein Unding. Als ich da gearbeitet habe, habe ich so etwas allerdings nie erleben müssen. Ich habe das nur von der ZNA gehört und zwar aus ziemlich sicherer Quelle. Allerdings finde ich es da zum Teil auch nachvollziehbar. Man kann nicht so schnell verlegen, wie Patienten kommen und wenn gerade ein ganzer Schwung Patienten kommt, dann muss man zumindest erst einmal dafür sorgen, dass die Patienten nicht umkippen, daher legt man sie eben erst einmal ins Bett - auch wenn das erst einmal im Flur stehen muss.
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