Persönlichkeit eines Menschen am Aussehen erkennen?
Der Drang, die Umwelt in Kategorien einzuteilen und damit berechenbarer zu machen, ist so alt wie die Menschheit selbst. Genau darauf baut wohl auch die Konstitutionspsychologie. Diese Wissenschaft beschäftigt sich mit der Annahme, man könne aus dem Aussehen eines Menschen auf seine psychischen Eigenschaften schließen. Bedeutende Persönlichkeiten waren hier Ernst Kretschmer und William Sheldon, wobei die Theorien des Letzteren ausgereifter scheinen. Die Typologie nach Kretschmer ist zwar sehr griffig, fußt aber auf vielen methodischen Ungereimtheiten.
Sheldon teilt die Menschen in Endomorph, Ektoderm und Mesomorph ein. Die Endomorphen verlassen sich sehr häufig auf ihre Intuition, essen gerne und sind besonders gesellig. Die Ektodermen verlassen sich eher auf ihren Verstand; sie sind lieber für sich alleine und geben sich vor Allem geistigen Prozessen hin. Mesomorphe sind sportlich sehr aktiv, achten vermehrt auf ihr Aussehen und geben sich eher selten geistig anspruchsvollen Aufgaben hin.
Verglichen mit der Typologie Kretschmer ähnelt Sheldons Theorie wohl sehr stark der heutigen Einteilung von Menschen in "extrovertiert" und "introvertiert". Insofern kann ich mir für diese Typologie sehr gut einige Einsatzbereiche vorstellen. Die Typologie nach Kretschmer - welche sich viel stärker nach dem Äußeren richtet - ist jedoch wirklich zweifelhaft und sie erinnerte mich fast schon an die allbekannte "Rassenlehre".
Wirklich abwegig ist jedoch vermutlich keine der Theorien, denn schon die antiken Griechen wussten: Körper und Geist stehen in enger Wechselwirkung. Andererseits lässt sich die besagte Typologie natürlich kaum widerlegen, da sich jeder irgendwie in einem der drei Typen wiedererkennt, zumal die Definitionen nicht wirklich neutral formuliert sind. Ich würde mich jedenfalls als Ektoderm bezeichnen, allerdings bin ich auch gleichzeitig sportlich sehr aktiv, sodass ich eigentlich Ektoderm und Mesomorph gleichzeitig sein müsste, nach der Theorie. Bestimmt gibt es auch Menschen, die abwechselnd rational und irrational handeln und deren sportliche Aktivität phasenweise variiert. Unter so einem Gesichtspunkt scheint die Einteilung in "introvertiert" und "extrovertiert" eigentlich schon völlig ausreichend.
Welchem der drei Typen würdet Ihr euch zuordnen und haltet Ihr dieses Fachgebiet für ausreichend fundiert?
Ich bin dann wohl eine Mischung aus ektoderm und endomorph. Und damit fangen die Probleme auch schon an. Ich denke, dass die meisten Menschen einfach eine Mischung sind. Manche vielleicht aus allen drei Formen. Eine starre Einteilung halte ich daher nicht für sinnvoll. Und Sheldon hat diese Starrheit zwar aufgehoben. Aber welchen Sinn hat die Einteilung dann überhaupt noch?
Ich kann mir vorstellen, dass es bei den alten Griechen noch mehr Sinn gemacht hat. Damals wurde nur in der eigenen Klasse geheiratet. Ganz gro und vereinfacht ergibt das dann Folgendes: Unter Landwirten waren starke Männer und Frauen beliebter zum Heiraten und so konnten diese ihre Stärke an ihre Kinder vererben. Kleine, zierliche Kinder fanden keine Partner, wurden Nonne, Mönch oder Kindermädchen. Bei den Adeligen hingegen waren elegante Körperformen attraktiv. Und durch die Bevorzugung bekamen unter ihnen vor allem die großen, schlanken Menschen mehr Kinder.
Mit der heutigen Mischung von Klassen, Schichten und Herkünften verwischen die Grenzen maßlos. Ich denke, es ist nicht verwunderlich, dass dieser Wissenschaftsbereich schon länger nicht mehr betrieben wird. Dass die Annahmen nicht zu widerlegen sind, hat in der Wissenschaft auch gar keinen Wert. Man kann auch die Existenz von Gott nicht widerlegen. Das macht ihn aber noch lange nicht zu einem wissenschaftlichen Fakt.
Es stimmt schon, dass diese Einteilung erstmal etwas sinnlos erscheint. Auf der anderen Seite lässt sich damit aber theoretisch eine Menge anfangen. Anhand von Bewerbungsfotos ließe sich beispielsweise die Authentizität der Angaben zur Persönlichkeit in den Bewerbungsunterlagen überprüfen; die Typologie könnte man gar in das Auswahlverfahren einfließen lassen. Allerdings wäre das natürlich sehr hart an der Grenze zur Diskriminierung, die in einzelnen Fällen auch komplett unberechtigt sein kann, denn: Ausnahmen bestätigen die Regel.
Es ist jedoch nicht zu verkennen, dass sich der Mensch ohnehin permanent solcher Heuristiken bedient. Da stempelt man Fettleibige automatisch als faul ab, der drahtige Kerl mit der Brille ist gleich ein Nerd und die Blondine hat bestimmt einen an der Klatsche. So gesehen könnte die Einführung einer solchen standardisierten Typologie eine Diskriminierung einzelner Personen auch minimieren. Freilich bleibt es fraglich, ob dadurch die unterschwelligen, durch das Aussehen hervorgerufenen, Vorurteile wirklich verdrängt und beseitigt werden können. Vermutlich eher nicht.
Das äußere Erscheinungsbild einer Person egal welchem Geschlecht, sagt schon einige Dinge über die innere Einstellung der betreffenden Person aus. Beispielsweise läuten bei Bewerbungen die Alarmglocken schnell, wenn die betreffende Person doch etwas unordentlich zum Bewerbungsgespräch erscheint. Aber auch die Trendsetter haben bei gewissen Dingen auch die schlechteren Karten, weil sie so auch zu schnell die Meinung wechseln können. Es kann unter Umständen auch eine Gratwanderung darstellen, die sich nicht eindeutig beurteilen lässt.
Ich als, dieser fragwürdigen Klassifizierung nach, eindeutig ektodermer Mensch frage mich nun aber, was das Eingangs-Posting mit dem Titel des Threads zutun hat. Es werden drei verschiedene Grundtypen von Personen angesprochen, aber wo befindet sich der im Titel postulierte Zusammenhang zwischen der Optik einer Person und deren geistigen und charakterlichen Eigenschaften? Ich kann ihn nicht in jedem Fall finden.
Nirgends wird beispielsweise beschrieben, wie der ektoderme Mensch nun angeblich aussieht. Aus der Behauptung, endomorphe Menschen äßen sehr gerne, könnte man vielleicht auch eine größere Beleibtheit schließen. Das alte Klischee vom geselligen Dicken also. Wobei die Neigung dazu, gerne zu essen, auch nichts zwangsläufig bedeutet, dass ein Mensch übergewichtig ist. Dünne Menschen, die gerne schlemmen, gibt es auch viele.
Und daneben dann noch das Klischee vom dummen, oberflächlichen und selbstverliebten Sportler. Der einzige Typ, bei dem man tatsächlich davon sprechen könnte, dass ein eindeutiger Zusammenhang zwischen geistigem Zustand und Aussehen gezogen wird. Doch inwiefern lässt sich dieser real bestätigen?
Ich sehe die Idee, dass man vom äußeren Erscheinungsbild einer Person auf deren geistige Kapazitäten schließen könnte, eher kritisch. Genau genommen kann sie für einige Personen zur Diskriminierung werden, aber das wurde hier ja im Vorfeld schon einmal angesprochen.
Als alleinige Ausnahme würde ich vielleicht noch die Annahme, dass bestimmte Arten, sich zu kleiden, eine Aussage haben könnten, durchgehen lassen. Denn Kleidung wird oft bewusst genutzt, um etwas Bestimmtes auszudrücken. Wobei das auch nicht immer genau etwas über den Charakter des Trägers der Kleidungsstücke aussagt, sondern vielmehr etwas über sein Selbstbild und darüber, wie er gerne von anderen Menschen gesehen werden möchte. Aber daraus lassen sich dann erneut Rückschlüsse über seine Denkweisen und damit seine Persönlichkeit ziehen.
Dennoch wünschte ich mir, bei der Bewertung von Mitmenschen würde weniger auf oberflächliche, sondern mehr auf wirklich tiefe, charakterliche Aspekte geachtet werden. Für eine schiefe Nase oder einen übermäßig dürren Körper, der trotz Bemühungen einfach kein Gewicht zulegt, kann nun wirklich kein Mensch etwas.
An der Annahme einer Brücke zwischen Psyche und Physisch ist nicht zu rütteln und mag es auch einzelne Ausnahmen von der Regel geben. Rein statistisch ist es bei einem Dicken tatsächlich wahrscheinlicher, dass dessen geistige Leistungsfähigkeit eher im unteren Bereich zu markieren ist, denn überschüssige eingelagerte Fettreserven haben weitreichende Folgen für das gesamte Blutbild. So wird z.B. vermehrt Östrogen gebildet, welches mit dem Testosteron konkurriert, aber auch Entzündungfaktoren steigen durch eingelagertes Bauchfett stark an, worunter dann insbesondere der präfrontale Cortex zu leiden hat. Diese Hirnregion ist wiederrum u.A. zuständig für logisches Denken und Impulskontrolle.
Ich bin, wie Bienenkönigin auch, eine Mischung aus extoderm und endomorph. Obwohl die beiden ja sehr widersprüchlich zueinander sind, denn der Extoderme ist lieber für sich alleine und der Endomorphe hat es lieber gesellig. Aber es ist nun einmal so, dass es verschiedene Phasen im Leben gibt und manchmal will man unter anderen Leuten sein und manchmal auch alleine. Ich glaube, egal um wen es geht, jeder hat schon mal eine Situation erlebt, in der er unbedingt eine andere Person um sich haben wollte und auch schon eine Situation, in der er einfach nur alleine sein wollte.
Daher gefällt mir die Aufteilung auch nicht so gut, wenn ich ehrlich bin. Ich denke auch, dass die meisten Menschen sich einfach aus verschiedenen Eigenschaften zusammensetzen und nicht in Kategorien einzuteilen sind. Ich denke zum Beispiel auch, dass es einige Leute gibt, die sehr sportlich sind und auch auf ihr Äußeres achten, aber trotzdem sehr gesellig sind, was wiederum eine Mischform aus Extoderm und Mesomorph wäre und somit auch nicht eindeutig definierbar.
Dass man von dem äußeren Verhalten eines Menschen auf sein Inneres schließen kann, stimmt schon, aber eben auch nicht zu hundert Prozent. Nur weil sich eine Person ein wenig zurückhaltend verhält, bedeutet das nicht gleich, dass sie total introvertiert ist und nicht gerne Gesellschaft um sich herum hat und am liebsten immer alleine zu Hause herum sitzt. Ebenso wie wenn man sich nicht sicher sein kann, dass eine Person besonders gesellig ist, nur weil sie am Abend mal mit ein paar anderen Leuten an einem Tisch sitzt.
Letztendlich finde ich es auch sinnlos, Menschen in Kategorien einzuteilen. Das wird man schon allein durch die Informationen auf dem eigenen Pass genug, es muss nicht auch noch um die eigenen Gefühle gehen.
MasterOers hat geschrieben:An der Annahme einer Brücke zwischen Psyche und Physisch ist nicht zu rütteln und mag es auch einzelne Ausnahmen von der Regel geben. Rein statistisch ist es bei einem Dicken tatsächlich wahrscheinlicher, dass dessen geistige Leistungsfähigkeit eher im unteren Bereich zu markieren ist, denn überschüssige eingelagerte Fettreserven haben weitreichende Folgen für das gesamte Blutbild. So wird z.B. vermehrt Östrogen gebildet, welches mit dem Testosteron konkurriert, aber auch Entzündungfaktoren steigen durch eingelagertes Bauchfett stark an, worunter dann insbesondere der präfrontale Cortex zu leiden hat. Diese Hirnregion ist wiederrum u.A. zuständig für logisches Denken und Impulskontrolle.
Dass zwischen der Psyche und dem physischen Körper Wechselwirkungen bestehen, steht außer Frage. Man sieht dies beispielsweise deutlich, wenn es um psychosomatische Erkrankungen geht. Psychisches Wohlbefinden kann einen Krankheitsverlauf positiv beeinflussen, Stress hingegen oder andere Arten von Unwohlsein können hingegen negativ auf einen Heilungsverlauf einwirken. Das bestreitet lange niemand mehr.
Die Frage ist nun, ob man in Sachen Intelligenz einen derart großen Einfluss sehen kann. Und wenn ja, so würde mich ein Beleg für die Korrelation zwischen Schlankheit und Intelligenz beziehungsweise einer dicklichen Figur und einer geringer ausgeprägten Intelligenz interessieren. Und da bist Du nun dran, denn Du hast diese These aufgestellt. Ohne Belege ist sie aber nichts wert.
Wenn ich nun von meinen Alltagserfahrungen ausgehe, was natürlich keine empirisch gesicherte Basis ist, zugegeben, dann sind mir zahlreiche schlanke und weniger intelligente Menschen begegnet, aber ebenso dicke, und dennoch sehr intelligente Personen. Ich hatte sogar den Eindruck, dass viele dicke Menschen sich eher mit der Aneignung von Wissen beschäftigen, mehr lesen, häufiger Ausstellungen besuchen, und so weiter. Das muss keine höhere Grundintelligenz bedeuten, aber letztendlich handeln sie dann doch intelligenter, als der - Achtung, Klischee - schlanke Model-Typ, der außer seinem Fitness-Studio und Armani-Anzügen nichts weiter im Kopf hat, und der niemals auch nur ein einziges Buch gelesen hat.
Übrigens sind einige als sehr intelligent geltende Personen, die mir auf Anhieb einfallen, nun auch nicht die schlanksten gewesen. Man denke mal an Johann Wolfgang von Goethe oder auch Albert Einstein. Allgemein fällt auf, dass viele der bekannten "Gelehrten" nun nicht gerade spindeldürr waren. Abgesehen davon ist es beispielsweise auch undenkbar, bei Stephen Hawking einen Zusammenhang zwischen geistiger und körperlicher Funktionstüchtigkeit zu ziehen.
Übrigens kannst Du ja auch mal schauen, was für Menschen so zur Mensa-Gemeinschaft für Hochbegabte gehören. Möglicherweise würdest Du Dich wundern.
Als sehr interessant empfinde ich übrigens auch den von Dir gesehenen Zusammenhang zwischen geringer geistiger Leistung und einem hohen Östrogen- und geringen Testosteron-Spiegel. Möchtest Du damit ausdrücken, dass Du demnach auch Frauen für generell minderintelligent hältst?
Und, abschließend noch ein Denkanstoß: Wenn nun dicke Menschen oder vielleicht auch Frauen den Ruf haben, weniger intelligent zu sein, im Vergleich zu dünnen Menschen oder im Vergleich zu Männern, so sagt das wirklich etwas über ihre reale Intelligenz aus? Oder könnte ihr weniger intelligentes Erscheinen vielleicht auch auf Vorurteilen basieren, die dafür sorgen, dass die Personen bloß als dümmer wahrgenommen werden, weil man ihnen eben nichts Anderes zutraut?
Abgesehen davon dürfte es sehr demotivierend wirken, wenn beispielsweise ein dickes Mädchen immer wieder als dumm verspottet wird. Wenn ein Mensch solchen Äußerungen täglich ausgesetzt wird, wird er vielleicht resignieren. Und natürlich eignet er sich dann mitunter auch kein großes Wissen mehr an. Gerade bei Kindern haben Aussagen wie "Das kannst Du sowieso nicht!" eine große Auswirkung. Im Vergleich dazu kannst Du Dich gerne darüber informieren, wieso Mädchen bei mathematischen Tests häufiger schlechter abschneiden, und was die Mädchen, die dabei versagen, in ihren Familien so im Vorfeld vermittelt bekommen haben. Das ist nämlich im Grunde dieselbe Problematik.
Link dieser Seite https://www.talkteria.de/forum/topic-218743.html
Ähnliche Themen
Weitere interessante Themen
- Junge Generation kennt deutsche Wörter nicht mehr 4049mal aufgerufen · 18 Antworten · Autor: anlupa · Letzter Beitrag von Wibbeldribbel
Forum: Alltägliches
- Junge Generation kennt deutsche Wörter nicht mehr
- Ungerechte / ungleiche Freundschaft 2165mal aufgerufen · 6 Antworten · Autor: merlinda · Letzter Beitrag von Hufeisen
Forum: Alltägliches
- Ungerechte / ungleiche Freundschaft
- Welche Bindung habt oder hattet ihr zu euren Urgroßeltern? 1386mal aufgerufen · 6 Antworten · Autor: Ampelmännchen · Letzter Beitrag von Verbena
Forum: Familie & Kinder
- Welche Bindung habt oder hattet ihr zu euren Urgroßeltern?
- Spazieren - In der Stadt oder auf dem Land? 2700mal aufgerufen · 19 Antworten · Autor: damomo · Letzter Beitrag von bambi7
Forum: Freizeit & Lifestyle
- Spazieren - In der Stadt oder auf dem Land?
- Was fasziniert euch an amerikanischen Serien 3425mal aufgerufen · 16 Antworten · Autor: Federmäppchen · Letzter Beitrag von mittenimleben7
Forum: Film & Fernsehen
- Was fasziniert euch an amerikanischen Serien
