Was kann ich mir unter einer Routineoperation vorstellen?
Der Mann meiner Arbeitskollegin war neulich im Krankenhaus, wie ich zufällig durch ein Telefongespräch erfahren hatte, dass sie mit ihm führte. Aus dem Inhalt des Gesprächs, das sich um Zimmergenossen und Essen drehte, schloss ich auf einen Krankenhausaufenthalt. Als ich aus Neugier fragte, druckste sie herum und meinte, es sein nichts Schlimmes, nur eine Routineoperation. Ich fragte natürlich nicht weiter und meinte nur, ach so und tat so, als sei damit alles erklärt.
Aber die Sache lässt mich nicht los, weil ich mir unter einer Routineoperation nichts vorstellen kann. Ich gehe doch nicht ins Krankenhaus und lasse eine Routineoperation durchführen. Das hört sich so an, als mache das jeder einmal so nebenbei, so wie er zu einer Vorsorgeuntersuchung oder zum Zahnarzt geht. Was könnte jemand haben, der sagt, er sei für ein paar Tage wegen einer Routineoperation im Krankenhaus? Ich bin nur auf Blinddarm gekommen. Aber das hätte mir meine Kollegin doch sagen können.
Mandeln oder Polypen entfernen wäre auch eine Routine-Operation (wobei Mandeln bei Erwachsenen nochmal ein etwas anderes und leicht riskanteres Kaliber sind), auch an den Augen gibt es Routine-Operationen (Grauer Star etwa). Natürlich ist jeder operativer Eingriff ein Risiko und was anderes als ein normaler Arztbesuch, daher klingt der Begriff vielleicht etwas zu lapidar. Man verwendet ihn, so meine Erfahrung, eben für Operationen, die sehr sehr häufig durchgeführt werden und die gewöhnlich auch nicht kompliziert sind und teilweise nur wenige Minuten dauern. Eben etwas, das zwar wie alles andere auch schiefgehen kann, aber eben deutlich "simpler" ist (aus Ärztesicht)) als so manch knifflige Operation.
Vielleicht ist es aber auch etwas an "heikleren" Stellen wie am Unterleib oder an der Prostata und sie möchte es deswegen nicht so genau sagen, und wenn man "Routine-Operation" sagt, fragen die Leute eher nicht nach, weil es harmlos klingt.
Möglicherweise wollte Deine Arbeitskollegin auch ein weiteres Nachfragen Deinerseits und ein intensiveres Gespräch vermeiden und hat daher gesagt, dass ihr Mann wegen einer Routineoperation im Krankenhaus sei, denn hätte sie Dir nur gesagt, dass er operiert wurde, dann hätte sie Dir die Möglichkeit eingeräumt, mitfühlend oder neugierig zu fragen, weswegen er operiert werden musste. Manche Menschen mögen das einfach nicht und blocken weitere Fragen daher durch solche Antworten schon im Vorfeld ab. Vielleicht hat der Mann Deiner Kollegin auch einen Leistenbruch gehabt und musste daher operiert werden, da gibt es tatsächlich einige Möglichkeiten, die den Begriff Routineoperation verpasst bekommen könnten.
Operative Eingriffe, die verhältnismäßig häufig ausgeführt werden und die auch jedes Kreiskrankenhaus durchführen kann, werden nun mal wohl allgemein als Routineeingriff bezeichnet. Routine sollte zwar eigentlich keine Operation sein, aber vermutlich soll damit lediglich ausgesagt werden, dass es sich um nichts Großartiges handelt. Vielleicht handelte es sich bei der Routineoperation des Mannes Deiner Kollegin also nicht um eines der von Gingerhead bereits aufgezählten Krankheitsbilder und einen entsprechenden Eingriff, sondern es steckt doch etwas Heikleres dahinter oder eben einfach etwas, das Deiner Kollegin zu privat ist, um es weiterzuerzählen. Die Routineoperation kann also tatsächlich eine Schutzbehauptung gewesen sein, um weitere Fragen zu vermeiden.
Ich nehme auch an, dass deine Kollegin nichts Näheres erzählen wollte über die Operation weil sie höchstwahrscheinlich an einer Stelle des Körpers durchgeführt wurde, über die zu sprechen es ihr einfach peinlich war. Deshalb hat sie gesagt, dass es sich um eine Routineoperation handelt. Eine solche Operation kann auch eine Bruchoperation sein. Eine Blinddarmoperation hätte sie sicherlich gesagt. Ich verstehe nicht, dass es manchen Menschen peinlich ist zu sagen, dass es sich um eine Prostata-Operation oder ähnliche handelt. Das ist doch eine ganz normale Sache.
Für einen selbst sind natürlich auch Routineoperationen keine Routine, denn die meisten Operationen lässt man immerhin nur einmal durchführen. Für Chirurgen und Ärzte jedoch sind viele Operationen Routine, weil sie beinahe täglich vorkommen. Und bei Operationen ohne besondere und beschwerliche zu erwartende Komplikationen spricht man dabei von Routineoperationen.
Dazu gehören sehr viele Eingriffe. Meistens kann man dabei auch wenige Tage nach der Operation bereits wieder entlassen werden und Komplikationen sind äußerst selten. Für einen selbst ist aber natürlich auch die Mandeloperation oder das Entfernen des Blinddarms keine Routine. Für die Ärzte schon, da in größeren Krankenhäusern oftmals mehrere Blinddärme am Tag entfernt werden und für die Operateure ist es Alltag.
Im Gegensatz zu einer Operation bei der siamesische Zwillinge, die am Kopf zusammen gewachsen sind, voneinander getrennt werden. Oder Operationen mit großen Transplantationen. Oder andere ähnlich komplizierte Dinge, die auch nicht allzu oft vorkommen.
Ich denke auch, dass nicht jeder gerne über Krankengeschichten redet. Ich würde auch nicht wollen, dass Kollegen meines Freundes oder überhaupt andere Menschen von Personen aus meinem Umfeld erzählt bekommen, welche gesundheitlichen Beschwerden ich habe. Wenn es "peinlichere" Dinge sind wie Analfisteln, Unterleibsgeschichten oder ähnliches kommt oft noch zusätzliche Scham hinzu.
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