Dismorphophobie - in abgeschwächter Form weit verbreitet?
Ich habe heute eine Reportage über Dismorphophobie gesehen. Dabei handelt es sich um eine psychische Krankheit, bei der der Kranke der Meinung ist, absolut hässlich zu sein. Obwohl sie normal aussehen oder sogar ausgesprochen hübsch sind, gehen sie gar nicht mehr oder nur noch im Dunkeln aus dem Haus. Meist beginnt es am Anfang der Pubertät. Klassenkameraden behaupten beim Hänseln, dass man hässlich wäre und das nimmt man dann wörtlich.
Der Reporter traf sich mit drei jungen Menschen. Die erste junge Frau hatte sich noch nie wegen ihrer Krankheit in Therapie begeben. Dafür hatte sie sich aber schon sechs Mal die Nase operieren lassen. Eine siebte Operation stand an, obwohl ihr einige Ärzte davon abgeraten hatten, da ihre Haut auf der Nase durch die vielen Operationen schon viel zu dünn sein und sich spalten könnte. Trotzdem war die irrationale Hoffnung durch diese siebte OP endlich so hübsch zu sein, dass sie das Haus verlassen könnte, so groß, dass sie dieses Risiko einging.
Die zweite Person war ein junger Mann, der seine dunklen Augenringe so grotesk fand, dass er wenn überhaupt nur mit Sonnenbrille aus dem Haus gehen konnte. Er hat sich später auch getraut, sich filmen zu lassen. Da war absolut nichts zu sehen! Durch die Therapie, zu der ihn der Reporter ermutigte, war er nach einiger Zeit in der Lage die Sonnenbrille durch ein gewöhnliches Brillengestell auszutauschen.
Die dritte im Bunde war eine wirklich hübsche Frau, die sich bereits seit einiger Zeit in Therapie befand. Aber es war ihr nicht möglich, sich ungeschminkt zu zeigen. Aber sie war immerhin in der Lage arbeiten zu gehen und Freunde zu treffen. Alles halt nur mit einer wirklich dicken Schicht Make-Up und sehr stark geschminkten Augen. Durch ihren Therapeuten ermutigt hat sie sich während der Reportage getraut, ungeschminkt aus dem Haus zu gehen und war überrascht, dass ihre Mitmenschen nicht geschockt von ihrem Anblick sind.
Die Schilderungen der Drei waren wirklich heftig. Sie haben sogar gesagt, dass sie wissen, dass es Brandopfer gibt und Menschen mit Behinderung. Aber die wären besser dran als sie. Sie haben sich selber einfach als Zumutung für den Rest der Menschheit angesehen. Stundenlang stehen diese Menschen vorm Spiegel und sind verzweifelt über das, was sie sich einbilden zu sehen.
Mich hat das an die ein oder andere Frau erinnert, die ich kenne. Ich habe z.B. eine Freundin, die sich früher auch sehr stark geschminkt hat. Sie fand ihre Haut zu unrein und überdeckte sie mit einer dicken Schicht Make-Up. Ihre Freundinnen, darunter auch ich, fanden es zwar nicht gut und sagten ihr auch, dass sie ohne Make-Up auch gut oder sogar besser aussehen würde, aber keine von uns kam auf die Idee, dass es krankhaft sein könnte. Meine Freundin hat es sich auch selber dann Schritt für Schritt abgewöhnt, aber so richtig leicht fiel ihr das nicht.
Ich könnte mir vorstellen, dass viele Menschen eine sehr abgeschwächte Form dieser Krankheit haben und es gar nicht wissen. Gerade Frauen, die jeden Tag eine regelrechte Maske auflegen und sich ungeschminkt überhaupt nicht hübsch finden. Geschminkt in die Arbeit zu gehen oder abends aus ist ja eine Sache. Aber sich zu schminken, um einkaufen zu fahren, ist schon eine andere.
Was denkt ihr darüber? Habt ihr schon mal von dieser Krankheit gehört? Könnt ihr euch vorstellen, dass es bei einigen Frauen unwissentlich krankhaft ist? Kennt ihr vielleicht so Frauen, die ungeschminkt nicht mal den Müll rausbringen würden? Oder findet ihr es ganz normal, wenn man sich jeden Tag egal zu welchem Anlass zurecht macht? Oder hat es zwar nichts mit der Krankheit zu tun, ist aber als Suchtverhalten einzustufen?
Von der Krankheit gehört beziehungsweise gelesen habe ich mich schon einige Male, wobei ich mich einige Zeit lang schon intensiver mit der Frage nach dem Körperbild, Körperbildstörungen, Lookism und Rollenbildern beschäftigt habe.
Vorweg: Ich bin der Meinung, dass das alles sehr eng miteinander verknüpft ist. Denn ich bin mir sicher, dass diese Phobien, man könne hässlich sein, sehr damit zusammenhängen, dass man heute mit unerreichbaren Schönheitsidealen bombardiert wird und auch von nahezu allen Seiten immer wieder suggeriert wird, man müsse diese Ideale zu erfüllen versuchen, und wer dies nicht täte, sei hässlich, und zwar nicht nur hässlich, sondern, so wird suggeriert, gewöhnlich auch noch faul oder ungepflegt. Das, was man heute als "Pflege" bezeichnet, hat mit Reinheit an sich seltenst noch etwa zutun. Das merkt man beispielsweise daran, dass es Menschen gibt, die selbstverständlich äußern, sie fänden es ungepflegt, wenn eine Frau sich nicht die Wimpern tuscht. Das habe ich tatsächlich schon gehört, sogar schon mehrfach.
Solche Äußerungen üben enormen Druck auf Menschen aus, denn wer möchte denn hässlich sein? Und selbst die, die vielleicht noch sagen würden, sie hätten kein Problem, eben hässlich zu sein, wollen aber kaum zu denen gehören, die angeblich faul oder ungepflegt sind. Und so machen sich die Menschen einen enormen "Schönheitsdruck", nicht nur Teenies unter sich, sondern auch Erwachsene, teilweise sogar Mütter gegenüber ihren eigenen Töchtern. Und die Medien mit ihren Model-Casting-Shows, mit ihren mit Photoshop fast bis in das Unkenntliche retouchierten Magazin-Fotos und mit diversen Fernsehsendungen, in denen "schöne" Menschen belohnt und "hässliche" verspottet werden, werfen der ganzen Angelegenheit erst recht noch Kohlen ins Feuer.
Ein Großteil der Gesellschaft beachtet "Schönheit" beziehungsweise, wenn man es denn ganz genau nehmen möchte, das Anpassen an die aktuell gängigen Schönheitsideale, als unerlässlich. Immer wieder geht es um dieses Thema, es gibt kaum Bereiche, in denen man davon verschont bleibt. Wen wundert es da, dass unter diesen Rahmenbedingungen viele Menschen krank werden? So extrem, dass sie das Haust nicht mehr verlassen, wird es natürlich eher selten. Aber es begegnen einem doch immer wieder Menschen, die völlig "normal" aussehen, und sich dennoch unglaublich hässlich finden und schämen. Das würde ich durchaus als krank bezeichnen, auch, wenn viele Menschen nie glauben würden, dass sie krank sind. Dasselbe gilt für die Leute, die sich immer zu dick fühlen, obwohl sie Idealgewicht haben oder sogar noch weniger wiegen. Auch Magersucht würde ich als eine Form der Dismorphophobie einordnen.
Ich persönlich kenne seit dem Ende meiner Schulzeit keine Person mehr, die ich als Dismorphophobisch bezeichnen würde. Vorher gab es aber durchaus Klassenkameradinnen, bei denen ich mir schon Sorgen gemacht hätte.
Ich würde aber übrigens nicht behaupten, dass es gleich auf diese Krankheit oder eine Sucht hindeuten würde, wenn man sich zum Müllrunterbringen schminkt. Wer daran Spaß hat, kann es doch tun. Das ist wohl eher eine individuelle Geschmacksfrage. Krankhaft würde es erst, wenn eine Person sich ohne Schminke nicht traut, hinaus zu gehen, und sich einschließen und Weinanfälle bekommen würde, würde man von ihr fordern, es doch zu tun.
Fragwürdig ist hier erst einmal der pathologische Wert dieser Erscheinung. Bei Lookism - der Begriff fiel hier ja bereits - wird damit argumentiert, der Schönheitsgrad eines Menschen sei nicht objektiv erfassbar. Wer kann und soll also bei Krankheitsverdacht auf Dysmorphophobie darüber urteilen, ob die Wahrnehmung des eigenen Körpers pathologische Züge annimmt, oder sich im Rahmen der Realität bewegt?
Meiner Einschätzung nach hat jeder "Dysmorphophobie-Patient" für sich selbst ganz objektive Gründe, sich selbst als wenig schön wahrzunehmen. Und dieses Recht kann ihm kein Psychiater absprechen oder seine Selbstwahrnehmung gar pathologisieren, da das Schönheitsempfinden zumindest zur Hälfte individuell determiniert ist. Eigentlich lässt sich Schönheit durchaus objektiv erfassen, aber so wie die "Ärzte" argumentieren, ist der Begriff der Dysmorphophobie an sich nicht haltbar.
Vielleicht solltest Du die Sache mit dem Lookism noch einmal nachlesen. Es wird nämlich kaum davon ausgegangen, dass Schönheit allgemein nicht messbar sei. Es geht bloß darum, dass jede Gesellschaft ihre Schönheitsideale hat, die sich teilweise enorm unterscheiden. Und darum, dass Menschen aufgrund ihres Aussehens diskriminiert werden, während man auf ihren Charakter kaum wert legt, jedenfalls nicht, wenn aufgrund der Optik diskriminiert wird. Und das wirst Du ja wohl kaum widerlegen können. Dass Schönheitsideale durchaus willkürlich sind, sieht man gut daran, dass die Ideale von Zeit zu Zeit und von Kultur zu Kultur wirklich stark variieren. Was in einigen Kulturen als schön gilt, gilt in anderen sogar als hässlich. Und immer haben die Menschen zu leiden, die nicht dieser willkürlichen Norm entsprechen. Und ja, innerhalb dieser Norm mag man Schönheit "objektiv" einschätzen können. An den Kriterien, die die Gesellschaft dafür nennt. Aber diese sind eben nicht universell gültig, sondern nur in dieser Gesellschaft!
Ganz unabhängig davon geht es bei der Dismorphophobie doch gar nicht darum, ob ein Mensch nun "objektiv" hässlich ist, oder nicht. Es geht darum, dass Menschen sich als so hässlich empfinden, dass sie sich nicht auf die Straße trauen. Und zwar, obwohl sie von dem Ideal in der Gesellschaft, in der sie leben, nicht zu extrem abweichen. Genau genommen könnte man sagen: Wichtig ist, wie das Umfeld reagiert. Und wenn das subjektiv sagt, eine Person sei gar nicht hässlich, und diese würde sich trotzdem am liebsten im Keller verstecken, weil sie sich für so abscheulich aussehend hält, dann ist das eben Dismorphophobie. Und das hat definitiv pathologischen Wert!
Also, noch einmal ganz verkürzt gesagt: Bei Dismorphophobie geht es nicht wirklich um das Aussehen einer Person, sondern darum, dass eine Person überängstlich ist und leidet, weil sie glaubt, hässlich zu sein, während die Außenwahrnehmung etwas ganz Anderes besagt. Natürlich kann jeder Mensch sich als hässlich bezeichnen, so lange er will. Das wäre ja noch keine Phobie und da würde garantiert auch kein Arzt einschreiten. Eine behandlungsbedürftige Phobie ist es erst, wenn der Mensch aufgrund dieser Selbstwahrnehmung Angstzustände entwickelt, die ihn dazu bringen, subjektiv zu leiden. Meines Wissens therapieren Psychiater heutzutage sowieso nur, wenn entweder Fremdgefährdung besteht, oder aber, wenn der Patient leidet. Wenn der Patient seine Devianz vom Durchschnitt nicht stört, dann muss natürlich auch nichts therapiert werden.
Es handelt sich hierbei um eine Störung, die nichts mit der Realität zu tun hat. Man hat kein Selbstbewusstsein und gleicht auch einer schweren selbstunsicheren Persönlichkeitsstörung. Das Denken ist hier das Krankhafte und nur mit Therapie kann man das mildern und damit leben. Es ist eine Störung, so wie Zwänge und andere psychiatrische Erkrankungen.
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