Sind Depressionen immer noch ein schwieriges Thema?

vom 26.07.2012, 20:49 Uhr

Depressionen und ähnliche Krankheiten werden zwar gerade in den Medien immer wieder gerne thematisiert, gelten im Alltag allerdings immer noch als Tabu und werden trotz der wachsenden Häufigkeit auch immer wieder verheimlicht.

Betroffene werden häufig mit Unsicherheit oder gar Ablehnung konfrontiert. Freunde und Verwandte können damit nicht umgehen und stellen daher meist keine richtige Hilfe dar. Professionelle Anlaufstellen sind in vielen Fällen unbekannt und werden nicht genutzt. Scham spielt vielfach bei allen Beteiligten eine enorme Rolle. Ein weiteres Problem ist, dass solche Krankheiten in vielen Fällen falsch oder zu spät diagnostiziert werden. Dadurch wird der Leidensweg unnötig verlängert und oft noch verschlimmert und viele soziale Kontakte zerbrechen durch fehlende Aufklärung. Ich selbst leide an so einer Krankheit und fand es immer sehr schwer darüber zu reden. Einerseits weil ich es selbst als einen persönlichen Makel wahrgenommen habe, andererseits weil viele Menschen unsicher im Umgang mit mir wurden. Dabei war das in den meisten Fällen nicht böse gemeint, sondern lag daran, dass sie nichts darüber wussten und die Krankheit und mich nicht einschätzen konnten. Ein normaler Umgang wurde mit vielen Bekannten daher sehr schwierig, sodass ich mein Leiden noch heute oft verheimliche. Viele Menschen machen sich sonst nämlich ständig Gedanken darum, was Auswirkungen der Krankheit sind und neigen dazu in jede meiner natürlichen Launen große Gründe hineinzuinterpretieren.

Ich würde mich freuen, wenn sich einige von euch trauen, von ihren Erfahrungen zu erzählen. Mich interessiert aber auch eure allgemeine Meinung und Einschätzungen. Ist dieses Thema wirklich noch so schwierig und ein Tabu oder habe nur ich diese Erfahrungen gemacht?

» Mia1989 » Beiträge: 165 » Talkpoints: 11,38 » Auszeichnung für 100 Beiträge



Ja, ich denke, dass das immer noch ein schwieriges Thema ist, und zwar deshalb, weil die Leute nicht informiert sind. Viele wissen nicht, dass es eine behandelbare Krankheit ist und meinen entweder, dass die Leute sich anstellen und nur mit einem Stimmungstief nicht zurechtkommen, oder andere meinen, dass Depressive völlig psychisch gestört und unberechenbar sind und haben Angst vor ihnen.

Ich kenne zwei Leute in meiner näheren Umgebung, die diese Krankheit haben. Einer ist aus meiner Familie und ich verstehe und berate ihn auch dahingehend, dass er es zum Beispiel Arbeitgebern nicht erzählt. man sollte sich immer noch sehr gut überlegen, wem man von dieser Krankheit erzählt.

» anlupa » Beiträge: » Talkpoints: Gesperrt »


Um meine persönlichen Ansichten hierzu auch für andere nachvollziehbar zu machen, möchte ich erst mal meine Vorgeschichte schildern: Ich hatte vor ca. 2 1/2 Jahren massive Probleme in meinem Job. Ich konnte nachts nicht mehr schlafen und quälte mich tagelang mit den gleichen Problemen herum. Leider konnte mir keiner meiner Verwandten und Bekannten einen Rat geben, der mich weitergebracht hätte. Der einzig "vernünftige" Rat wäre gewesen, dass ich kündigen sollte, um all diesen Problemen aus dem Weg zu gehen. Aber das wollte ich unter keinen Umständen - ich hätte gegenüber meinem Arbeitgeber ein schlechtes Gewissen gehabt (nach Aussagen meiner Freunde, Bekannten und Therapeuten allerdings völlig unbegründet).

Also wandte ich mich vertrauensvoll an meinen Hausarzt, der mir 1 Stunde lang zuhörte, ein leichtes Depressivum verschrieb und eine Krankmeldung für 3 Wochen ausstellte. Als ich nach einer Woche immer noch mit den gleichen Symptomen kämpfte, und ich im Gespräch mit dem Arzt beiläufig erwähnte, "ich könne mir ja dann gleich die Kugel geben", hat dieser mich in die Psychiatrie eingewiesen, was ich im Nachhinein auch verstehen kann. Tatsächlich gingen meine Gedanken allerdings nie in Richtung Selbstmord, ich hatte dies nur so vor mich hin gesagt. Ich landete in der geschlossenen Abteilung, weil ich bei der Aufnahme in die Psychiatrie kein einziges Wort mehr von mir gab, so geschockt war ich von der "schnellen Abschiebung" durch meinen Hausarzt.

Nach einigen Wochen geschlossene Psychiatrie habe ich mich wieder aufgerappelt, um schnellstmöglich nach Hause zu kommen, schon meiner Kinder wegen. Nach unendlich langen 2 1/2 Monaten wurde ich schließlich entlassen. Meine Familie hat, während ich in der Psychiatrie war, nur gegenüber sehr guten Freunden und Verwandten zugegeben, dass ich in der "Klapse" steckte. Die Scham, so jemanden in der eigenen Familie zu haben, war doch ziemlich groß (zumal wir in einem Dorf leben). Dadurch hatte ich wenig Besuch von Leuten außerhalb des Familienkreises. Erst als ich selbst mir mehr Besuch wünschte, habe ich per Handy die Leute informiert, von denen ich mir wünschte, dass sie mal vorbeikämen. Dass dies nur gute Freunde waren, verstand sich von selbst. All diese Freunde haben während meiner Zeit in der Psychiatrie und auch danach immer zu mir gehalten.

Inzwischen geht es mir wieder richtig gut, und ich habe einen neuen Job gefunden. Mein neuer Arbeitgeber weiß nichts von meinen früheren Depressionen, weil ich denke, dass er mich nie als so belastbar einstufen würde, wie ich tatsächlich bin. Welche Firma möchte schon einen Mitarbeiter haben, der wegen Depressionen monatelang nicht einsetzbar war? Ich finde, dass der Zeitpunkt, hierüber offen zu reden, vom Patienten selbst gesetzt werden muss, denn es dauert doch sehr lange, bis man dazu wieder selbstbewusst genug ist. Erst letzte Woche konnte ich sogar einem Dorfbewohner, den ich erst seit wenigen Monaten kenne, von meinen Depressionen erzählen, und das, obwohl ich ihn nur selten sehe. Sicherlich kommt es hierbei darauf an, dass man das Gefühl hat, der entsprechenden Person auch vertrauen zu können.

Nur an einer Ecke fühle ich mich heute noch als "gebrandmarktes" Kind, und ich würde mir wünschen, dass ich nie Depressionen gehabt hätte: Ich wollte vor ungefähr einem Jahr eine Pflegeversicherung abschließen. Um nicht im Nachhinein Schwierigkeiten zu bekommen, habe ich angegeben, wegen psychischen Problemen in Behandlung gewesen zu sein. Nach Prüfung des Antrags durch die Versicherung wurde mir die Aufnahme in die private Pflegeversicherung verweigert, obwohl meine Psychologin ins Gutachten schrieb, ich hätte keinerlei psychische Probleme mehr. Wenn ich darüber nachdenke, könnte ich mich richtig aufregen!! Aber ich denke, es gibt wichtigere Dinge im Leben. So, das war ein langer Bericht. Ich hoffe, ich habe Euch nicht zu sehr gelangweilt und würde mich über Rückmeldungen freuen.

» domay » Beiträge: 1 » Talkpoints: 2,00 »



Danke, dass du so lange geantwortet hast und ich hoffe, dass es auch weiterhin alles gut bei dir geht.

Von Therapien in geschlossenen Anstalten habe ich leider bisher nur Schlechtes gehört. Wie viele andere Einrichtung im klinischen Bereich erscheinen sie mir oft völlig überfordert und sehr verallgemeinernd. Da gerade Depressionen meist aber nicht immer den gleichen Verlauf nehmen, gehen manche Patienten dabei leicht unter und wollen einfach nur noch raus. Du scheinst aber hauptsächlich positive Erfahrungen gemacht zu haben.

» Mia1989 » Beiträge: 165 » Talkpoints: 11,38 » Auszeichnung für 100 Beiträge



Ich kenne das Problem von mir selber zwar nicht aber ich habe gute Bekannte von denen ich es weiß dass sie zum Teil ganz schlimm daran erkrankt sind. Und ich weiß von denen auch das sie es eigentlich niemanden sagen weil es doch oft mißverstanden wird oder man die Aussage bekommt, so schlimm wird es schon nicht sein. Und das ist hier wohl kaum eine Hilfe. Oft ist es schwierig die richtige Hilfe zu bekommen und ich bin froh dass beide sich aufgerappelt haben sich ordentliche Hilfe zu suchen um mit dem Leben wieder einigermaßen klar zu kommen.

Einer war auch einige Wochen auf der Psychiatrie, aber er hat sich selber einweisen lassen weil er einfach Angst hatte sich oder seinen Kindern etwas an zu tun. Und dafür gehört wirklich viel Mut. Er brauchte lange um sich von dem zu erholen und benötigt natürlich immer noch Medikamente, aber es geht ihm viel besser und er ist wieder ein ausgeglichener Mensch geworden. Ich weiß nicht was passiert wäre wenn er sich keine Hilfe gesucht hätte. Ich möchte es mir gar nicht vorstellen. Das Problem ist, wenn man selber nicht betroffen ist, das man sich das gar nicht vorstellen kann wie es so einem Menschen geht. Auch wenn man es erzählt bekommt und das fällt den Betroffenen oft gar nicht leicht, kann man es nicht verstehen.

Ich habe durch diese beiden lieben Menschen einiges darüber erfahren und verstehe auch sehr gut warum sie es so manchen Leuten oder besser gesagt so gut wie niemanden erzählen, denn die Reaktionen der Umwelt sind immer noch nicht wirklich gut. Es wird immer als irgendwas kleines abgetan und nicht als Krankheit akzeptiert.

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» torka » Beiträge: 4376 » Talkpoints: 7,91 » Auszeichnung für 4000 Beiträge


Depressionen werden meiner Meinung nach total unterschätzt und bagatellisiert. Ich glaube, das ist eine Sache, die wirklich nur Betroffene gut nachvollziehen können, für alle anderen bleibt das nur abstrakt, egal wie sehr sie sich auch anstrengen es zu verstehen.

Eine Cousine meiner Mutter beispielsweise ist sehr depressiv. Ich weiß nicht woher das kommt, aber sie ist mittlerweile schon Anfang/ Mitte 30. Sie hat schon seit sehr vielen Jahren Hüftprobleme, eigentlich schon seit ich denken kann. Sie musste zwischendurch deswegen sogar im Rollstuhl sitzen, aber woher ihre Hüftprobleme kommen, weiß ich ehrlich gesagt gar nicht. Vor einigen Jahren hat sie jedenfalls eine künstliche Hüfte eingesetzt bekommen und hat dadurch starke Depressionen bekommen. Ich glaube sie fühlte sich minderwertig, weil sie in so jungen Jahren darauf angewiesen war und die meisten eine Hüftprobleme bzw. künstliche Hüfte erst im Seniorenalter bekommen. Sie verkroch sich danach zu Hause, hatte Heulkrämpfe, wurde mit Antidepressiva therapiert, aber nichts hat so wirklich geholfen. Sie konnte sich nicht mal dazu aufraffen, aufzustehen und für Ehemann und Kinder essen zu machen oder etwas aufzuräumen. Die einfachsten alltäglichen Dinge sind ihr unheimlich schwer gefallen (was wie gesagt nur Betroffene nachvollziehen können) und von ihrer Schwester und dem direkten Umfeld kamen dann nur so verständnislose Kommentare wie: "Mach doch die richtige Musik an und fang an aufzuräumen, mich motiviert gute Musik immer."

Also solche Kommentare von Leuten, die keine Ahnung haben, regen mich immer wieder auf. Vor allen Dingen, weil ich selbst seit Jahren depressiv bin und aus Erfahrung weiß, dass solche Kommentare nur kontraproduktiv sind. Man fühlt sich so schon minderwertig und depremiert und wenn dann noch solche herabschätzenden Kommentare kommen, verschlimmert das meiner Meinung nach alles.

Mein Freund kann das auch nicht wirklich nachvollziehen. Er denkt, dass ich immer an negative Ereignisse aus der Vergangenheit denken muss, die mich permanent runterziehen würden und er meint, wenn ich besagte Ereignisse vergessen würde, wären die Depressionen weg, aber das geht viel tiefer. Ich habe mittlerweile schon Probleme damit, mit ihm offen darüber zu sprechen und weiß auch gar nicht wie ich das anstellen soll ohne dass er
wenig verständnisvolle Aussagen dazu macht. Habt ihr vielleicht irgendwelche Ideen oder Erfahrungen dazu?

» Piccolino89 » Beiträge: » Talkpoints: Gesperrt »


Ich habe selber nur wenig Erfahrungen mit Depressionen, aber mein Eindruck ist, dass viele "Gesunde" sich einfach nicht klarmachen, dass es sich dabei nicht um eine Laune, sondern um ein richtiges Krankheitsbild handelt. Das Problem besteht sicher mindestens zum Teil darin, dass die Leute gewohnt sind, dass Symptome oder Beschwerden klar fassbare Ursachen haben. Ein Grippevirus, ein Bänderriss, oder auch ein Lungentumor, das kann man nachweisen und auch in den meisten Fällen mehr oder weniger erfolgreich therapieren.

Nun kommen unsere Stimmungen und unser gesamtes Befinden ja auch nicht aus dem Nichts, sondern werden von verschiedenen Botenstoffen und anderen körperlichen Prozessen gesteuert. Dass da auch mal etwas danebengehen, zuviel oder zu wenig produziert oder absorbiert werden kann, leuchtet eigentlich unmittelbar ein. Aber da diese Art von Krankheit nicht auf Röntgenbildern sichtbar gemacht werden kann und oft Jahre vergehen, bis eine Besserung eintritt, sind viele damit überfordert, weil sie es eben nicht am eigenen Leibe erfahren haben.

Deshalb glaube ich, dass erst dann ein allgemeiner Bewusstseinswandel eintreten kann, wenn Depressionen und ähnliche psychische Probleme genauso selbstverständlich diagnostiziert und behandelt werden wie ein Beinbruch oder eine Bronchitis und nicht mehr verschämt oder abwertend als "Spinnereien" betrachtet werden. Aber da sind wir wohl noch weit davon entfernt, noch gelten derlei Krankheiten ja eher als Zeichen von Schwäche und mangelnder Selbstdisziplin. Diese Ansicht teile ich absolut nicht - wenn sich jemand den Knöchel bricht, sagt ja auch keiner: "Jetzt reiß dich zusammen, wenn du an was anderes denkst, kannst du sicher wieder laufen."

» Gerbera » Beiträge: 11346 » Talkpoints: 56,04 » Auszeichnung für 11000 Beiträge



Dazu kann ich quasi aus eigener Erfahrung sprechen. Vor ungefähr acht Jahren war es bei mir so schlimm, dass ich wegen meiner Depressionen in psychologischer Behandlung war und auch Psychopharmaka verordnet bekam. Zu den Depressionen kamen auch Selbstzweifel und leichte Angstzustände. Ich war in meiner damaligen Beziehung unglücklich, weil ich ständig Angst hatte, er könnte mich wegen einer anderen verlassen. Und ich war auf jede Frau in seiner Nähe eifersüchtig, die ich für hübscher und attraktiver hielt. Und wenn man sich nur mit solchen Gedanken, tagein, tagaus beschäftigt, wird man irgendwann depressiv.

Hinzu kommt auch, dass ich sehr wetterfühlig bin, sprich, auch jetzt, zu der dunklen und grauen Jahreszeit, wieder mit depressiven Verstimmungen zu kämpfen habe. Ich dachte eigentlich, ich hätte es überstanden, aber scheinbar ist man wohl sein Leben lang dafür anfällig, leider! Aber Medikamente möchte ich keine mehr nehmen, weil ich damals davon fast 15 kg zugenommen hatte. Das würde ja nur zu einer weiteren Unzufriedenheit führen.

Mein damaliger Freund kam auch nicht wirklich mit dieser Erkrankung klar. Er konnte nicht verstehen, warum man grundlos traurig ist und einfach nur heulen könnte. Ich habe ihm dann damals aus dem Internet Seiten ausgedruckt, auf denen Tipps und Anregungen standen, wie Verwandte und/oder Partner mit dem Erkrankten umgehen und wie sie die Krankheit an sich besser verstehen. Ich wusste damals auch nicht, wie ich ihm das erklären soll, weil er eben kaum verstanden hat, worum es ging.

Und es ist auch heute nicht leicht für mich, mit jemandem darüber zu reden. Das Problem ist, dass viele denken, Depressionen wären eine Art "Modekrankheit". Viele reden ja auch sehr abfällig und sagen, die Betreffenden sollten sich doch einfach mal zusammenreißen. Und das finde ich einfach nur unverschämt, denn wenn ich mich mit einer Krankheit und deren Hintergründe nicht auskenne, kann ich so nicht reden. Bevor man die Betreffenden verurteilt, sollte man sich lieber erst informieren.

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» Jacqui_77 » Beiträge: 2969 » Talkpoints: 42,68 » Auszeichnung für 2000 Beiträge


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