Mehr politische Bildung für korrekteres politisches Denken?

vom 18.03.2018, 12:18 Uhr

In Österreich haben angeblich 43 Prozent der Jugendlichen "Hoffnung auf den starken Mann". Das ließ in der Politik die Alarmglocken läuten und jetzt soll mit einer geballten Ladung an politischer Bildung eine Gegenoffensive gestartet werden. Damit will man gerade unter den Jugendlichen bewirken, dass Vorurteile und Missverständnisse aus deren Köpfen verschwinden.

Ist ein Mehr an politischer Bildung für korrekteres politisches Denken hilfreich? Würde mehr politische Bildung für Klarheit in so manchen Köpfen sorgen oder würde so etwas eher kontraproduktiv sein?

» celles » Beiträge: 7843 » Talkpoints: 26,70 » Auszeichnung für 7000 Beiträge



Bildung und Wissen kann ja nie schaden, aber wenn ich mir die Lehrpläne hierzulande angucke, wo das Dritte Reich unter verschiedenen Gesichtspunkten in unterschiedlichen Fächern wie Deutsch, Religion, Ethik, Sozialkunde oder Geschichte immer wieder thematisiert wird, kann man wohl leider im Hinblick auf das letzte Wahlergebnis konstatieren, dass das alles nicht viel gebracht zu haben scheint.

Ich habe nun keine Ahnung, wie es ist in Österreich ist, ich könnte mir vorstellen, dass dort der Schwerpunkt etwas weniger auf dieser Thematik liegt, aber es wird doch sicher in der Schule trotzdem im Unterricht immer wieder drankommen. Es handelt sich hier auch vermutlich weniger um eine Wissenslücke, sondern um einen bedenklichen gesellschaftlichen Wandel, wo gewisse Strömungen und Aussagen plötzlich wieder gesellschaftsfähig geworden sind.

» Verbena » Beiträge: 3115 » Talkpoints: 5,37 » Auszeichnung für 3000 Beiträge


Verbena hat geschrieben:Bildung und Wissen kann ja nie schaden, aber wenn ich mir die Lehrpläne hierzulande angucke, wo das Dritte Reich unter verschiedenen Gesichtspunkten in unterschiedlichen Fächern wie Deutsch, Religion, Ethik, Sozialkunde oder Geschichte immer wieder thematisiert wird, kann man wohl leider im Hinblick auf das letzte Wahlergebnis konstatieren, dass das alles nicht viel gebracht zu haben scheint.

Ich denke, dass das an der Häufigkeit des Themas und den Lehrern an sich liegt, wobei natürlich auch das direkte soziale Umfeld da ziemlich prägend sein kann. Ich hatte das Thema in der Schule auch gefühlt viele Jahre lang durchgängig nur eben in verschiedenen Fächern und teilweise auch in mehreren Fächern parallel.

Mir hing das Thema so dermaßen zum Hals raus (was teilweise immer noch der Fall ist, leider), dass ich bei dem Thema einfach abgeblockt habe und nicht mehr zugehört habe. Ich fand es einfach langweilig. Wenn es vielen Schülern so geht, erklärt das, dass sie möglicherweise empfänglich für alternative Strömungen und Gedanken sind. Von diesen Strömungen habe ich mich jedoch noch nie beeinflussen lassen, was aber eher andere Gründe hat und nicht durch den Schulunterricht begründet ist.

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» Täubchen » Beiträge: 26822 » Talkpoints: 0,69 » Auszeichnung für 26000 Beiträge



Verbena hat geschrieben:Bildung und Wissen kann ja nie schaden, aber wenn ich mir die Lehrpläne hierzulande angucke, wo das Dritte Reich unter verschiedenen Gesichtspunkten in unterschiedlichen Fächern wie Deutsch, Religion, Ethik, Sozialkunde oder Geschichte immer wieder thematisiert wird, kann man wohl leider im Hinblick auf das letzte Wahlergebnis konstatieren, dass das alles nicht viel gebracht zu haben scheint.

Es liegt glaube ich viel mehr daran, wie man dieses Thema vermittelt als an der reinen Häufigkeit. So kenne ich aus meiner Schulzeiten, dass ganze eher als sehr theoretisches Vermitteln von Wissen. Zwar wurde in vielen Fächer auf einen eingeredet, aber dabei blieb es dann auch. Das lässt dann doch eine besondere Nähe vermissen, womit das Thema dann auch schnell abstrakt und langweilig wird. Wir haben zum Beispiel nie ein Konzentrationslager besucht, sondern nur im Unterricht darüber geredet.

Auch kommt es darauf an mit welchem Engagement die Lehrer das vermitteln. Es gibt ja durchaus auch Lehrkräfte, die das ganze eher verharmlosen. Auch darf man ja nicht vergessen, dass rein demografisch natürlich die Zeitzeugen fast alle ausgestorben sind, die aus eigenem Erleben mal erzählen können, was der starke Mann eben auch alles an negativen Sachen mit sich gebracht hat.

Ich glaube jetzt auch nicht, dass man so sehr auf dem Thema Drittes Reich rumhacken muss. Das muss sicherlich zweifelsohne thematisiert werden. Aber das ist ja nur eine Facette. Was vielen heute fehlt ist einfach grundlegendes Wissen und Interesse an Politik. Und eben auch das Interesse daran sich Wissen anzueignen. Es fehlt doch völlig das Verständnis dafür, wie Politiker arbeiten und wie man diese Arbeit beeinflussen kann. Da wäre schon viel geholfen, wenn man da mehr Zeit und Arbeit investiert.

» Klehmchen » Beiträge: 3969 » Talkpoints: 394,12 » Auszeichnung für 3000 Beiträge



Über das Thema habe ich noch mal wiederholt an einigen Tagen nachgedacht, denn auch mir ist privat schon aufgefallen, dass sehr junge Leute überhaupt keine Beziehung mehr zum Nationalsozialismus zu haben scheinen und Krieg für sie ein sehr theoretisches Konstrukt ist, welches irgendwann das letzte Mal vor Äonen ein Thema gewesen ist. Die Weitergabe von kollektiven traumatischen Erinnerungen, wie sie noch bis in die dritte Generation weitergewirkt haben, scheint da nicht mehr gegeben zu sein.

Einerseits ist das natürlich auch immer etwas Positives, andererseits birgt es auch die hier genannten Gefahren. Ich kann mich noch erinnern, dass mir immer sehr wohl bewusst war, dass meine Großeltern aktiv und meine Eltern indirekt vom Krieg betroffen gewesen sind. Das können heute junge Menschen ja nicht mehr von sich behaupten. Für sie ist der zweite Weltkrieg vermutlich so weit weg, wie es für mich früher der Erste gewesen ist.

Ein anderer zu kritisierender Punkt in der politischen Bildung durch die Schulen könnte meiner Ansicht nach auch in der Vermittlung von relativen Schwarz-Weiß-Bildern liegen. Da gab es die Täter, die Opfer und die ganz große Heerschar der unwilligen, aber keine Wahl habenden Mitläufer. Da die meisten Menschen ein Selbstbild von sich als grundsätzlich gute Person haben, kann keiner sich vorstellen, zum Täter zu werden. In meinem Weltbild als Teenager muss es so gewesen sein, dass alle "guten" Menschen, die irgendwie am Nationalsozialismus beteiligt gewesen sind, alles reine Mitläufer waren. Mit so etwas kann man sich vielleicht noch identifizieren, das ist nachvollziehbar. Ein Täter zu werden kann man sich für sich aber gar nicht vorstellen.

Die eigentliche Wahrheit dahinter, nämlich, dass ansonsten unbescholtene, gutherzige Menschen voll und ganz hinter dem System gestanden und es begeistert mitgetragen haben, hatte ich lange Zeit gar nicht erkannt. Wenn man das aber nicht kann, weil undifferenzierte Bilder vermittelt wurden, sieht man auch niemals für sich selbst die Gefahr in ähnliche Denkmuster zu rutschen. Dann kommen dann so Sprüche wie "Ich bin ja kein Nazi, aber...".

» Verbena » Beiträge: 3115 » Talkpoints: 5,37 » Auszeichnung für 3000 Beiträge


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