Zeigen Pfarrer zu wenig soziales Engagement?

vom 30.11.2022, 10:55 Uhr

Ich hatte gestern ein interessantes kurzes Gespräch mit einem indischen Studenten, dem ich über eine Anzeige in nebenan.de einen Schreibtischstuhl geschenkt habe, den ich nicht mehr brauche. Er hat in Indien ein Philosophiestudium absolviert, das hier auch Gott sei Dank anerkannt wurde. Nun studiert er in Deutschland katholische Theologie. Ich fragte ihn, ob er Pfarrer werden will und ob er das in Deutschland werden will. Er meinte, dass er das noch nicht wisse, in Deutschland sei Pfarrer ein Beruf, in Indien habe man mehr Kontakt mit den Menschen.

Ich kann mir ungefähr vorstellen, was er damit meinte. Wenn ich so überlege, sieht man im normalen Alltagsleben eigentlich nie Pfarrer, ich, die nie in eine Kirche geht, zumindest nicht. Auch wenn soziales Engagement zum Beispiel in Flüchtlingsunterkünften sichtbar wird, habe ich dort noch nie einen Pfarrer gesehen. Es gibt zwar Kirchenasyl und bestimmt auch Pfarrer, die sich aktiv sozial engagieren, aber ich zumindest sehe sie nie.

Ich habe mal für ein paar Tage in einer Turnhalle, wo ukrainische Flüchtlinge untergebracht waren, ausgeholfen. Da waren ehrenamtliche Frauen, die Feuerwehr und stundenweise ein Arzt da, aber man hätte ja eigentlich auch einen Gesprächsplatz für einen Pfarrer bereitstellen können, dem die Leute, egal welcher Religion, ihr Herz hätten ausschütten können.

Zeigen speziell katholische Pfarrer zu wenig sichtbares soziales Engagement und kümmern sich zuviel um Liturgie? Sollten sie zum Beispiel mehr in sozialen Brennpunkten unterwegs sein. Als der Student sagte, Pfarrer sei hier ein Beruf, erwiderte ich, ja, sie seien nur in der Kirche zu sehen oder zu Hause mit einem Glas Rotwein und seien auf der Straße nicht sichtbar, lachte er und nickte und ich wusste, was er damit meinte, dass Pfarrer in Deutschland ein Beruf sei.

» blümchen » Beiträge: 4863 » Talkpoints: 58,00 » Auszeichnung für 4000 Beiträge



Erstens: Priestern und Ordensleuten sieht man ihren Status nicht an der Nasenspitze an. Ich habe von Berufswegen öfter mit diesem Menschenschlag zu tun, und im Alltag sehen die aus wie du und ich. Woher willst du also wissen, wie oft du einen Pfarrer siehst? Die gibt es mittlerweile sogar in langhaarig, gelegentlich tätowiert oder sogar mit einem unglücklichen Faible für Lederjacken, und nicht nur im Father-Brown-Stil mit langer Soutane und Kollar.

Zweitens: Wieso macht sich der Typ dann in Deutschland einen schönen Lenz, wo es doch in Indien sicher genauso viele Anlässe für "soziales Engagement" gibt wie in Deutschland, wenn nicht mehr? Die Spezies ist mir mittlerweile auch oft genug begegnet. In Deutschland ist der Lebensstandard allgemein höher und die Diözese oder Ordensniederlassung im Heimatland profitiert auch handfest von dem Geld, das durch den "Auslandseinsatz" ihrer Mitarbeiter reinkommt. Viele junge Priesteranwärter gerade aus Indien kommen aus der dortigen Oberschicht und haben verständlicherweise absolut keine Lust auf soziales Engagement in einem indischen Dorf mit Plumpsklos und unbefestigten Straßen. Auch wenn es da auch genügend Leute gäbe, die ihr "Herz ausschütten" möchten.

Und ich denke noch dazu, dass die Trennung von Kirche und Staat in unserer Kultur auch eine Rolle spielt, dass Geistlicher im Idealfall Berufung, aber eben auch ein Beruf ist. Hierzulande sollte sich der viel besungene "Sozialstaat" um die Bevölkerung kümmern, woanders ist ein Großteil der Leute ohne die religiösen Gemeinschaften und private Initiativen schlichtweg aufgeschmissen, weil der Staat so gut wie gar nichts für die "Armen" übrig hat. Das hat natürlich Vor- und Nachteile, aber ich möchte eigentlich nicht in einem Land leben, wo ich brav in die Kirche und zur Beichte gehen muss, um im Notfall Unterstützung zu erhalten, sondern mich an konfessionsübergreifende staatliche Institutionen wenden kann.

» Gerbera » Beiträge: 10819 » Talkpoints: 4,26 » Auszeichnung für 10000 Beiträge


Zu Erstens: Mein letzter Stand, der allerdings schon ein paar Jahre älter ist, ist der, dass die katholische Kirche von ihren Priestern fordert, dass sie auch in der Öffentlichkeit als Priester zu erkennen sein sollten. Da müsste ich mal nachschauen, ob das immer noch so ist. Bei den Evangelischen ist das vielleicht anders.

Zu Zweitens: Wenn er in Indien von höherem Stand ist, hat er es doch nicht nötig, in Deutschland in einem Studentenheim zu hausen, in dem er den Hausmeister schon seit Monaten darauf aufmerksam macht, dass sein Schreibtischstuhl defekt und nicht mehr höhenverstellbar ist, und in Kleinanzeigen rumschauen muss, ob er was Gebrauchtes findet.

Natürlich kenne ich ihn und seine Motivationen nicht, aber ich fand ihn interessant und hatte den Eindruck, dass er stark zweifelte, ob er hier ein bequemes Priesteramt bekleiden sollte oder doch in Indien den Leuten in den Slums helfen wollte. Es war jedenfalls eine interessante Begegnung mit einem sympathischen nachdenklichen Menschen.

» blümchen » Beiträge: 4863 » Talkpoints: 58,00 » Auszeichnung für 4000 Beiträge



Ich glaube so viel Zeit für soziales Engagement hat man in dem Job gar nicht mehr. Ich habe jedenfalls schon öfter in den letzten Jahren davon gelesen, dass in meiner Region Gemeinden zusammengelegt wurden. Wenn man den Job von zwei oder drei Leuten machen muss wird wahrscheinlich alles das wegfallen, was man eigentlich gerne freiwillig machen würde weil man Spaß daran hat.

Und was soll ein normaler Pfarrer in einem sozialen Brennpunkt machen? Die Leute, die in diesem Bereich arbeiten, sind fast alle speziell ausgebildet und würden sich wahrscheinlich bedanken wenn da einfach jemand angelatscht kommt und sich in ihre Arbeit einmischt ohne zum Beispiel eine Ahnung davon zu haben was aktuell die gängigsten Straßendrogen sind.

sie seien nur in der Kirche zu sehen oder zu Hause mit einem Glas Rotwein

Und das weißt du woher genau? Klingt nach einem Vorurteil und einem Klischee zum Preis von nur einem Satz. Ich persönlich habe noch nie einen Pfarrer zu Hause mit einem Glas Rotwein gesehen und wüsste auch nicht, was ich da sollte. Vielleicht siehst du aus dem gleichen Grund keine Pfarrer mit einem "Pfarrer" Namensschild auf der Straße aus dem du auch keine Bankangestellten sieht - weil der Job vor allem im Inneren von Gebäuden ausgeführt wird.

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» Cloudy24 » Beiträge: 27073 » Talkpoints: 57,14 » Auszeichnung für 27000 Beiträge



Cloudy24 hat geschrieben:
sie seien nur in der Kirche zu sehen oder zu Hause mit einem Glas Rotwein

Und das weißt du woher genau? Klingt nach einem Vorurteil

Ja, ist sicherlich ein Vorurteil aus meiner Jugend. Wir hatten zwei Pfarrer, beziehungsweise einer hieß Rektor. Der hat aber auch Messen gehalten. Der eine hat Antiquitäten gesammelt und war Alkoholiker, was bekannt war. Der andere hat sich am Wochenende die Jungs nach Hause geholt, was auch bekannt war. Bei der Beerdigung meines Vaters schwankte der Erstere ziemlich stark und ich hatte Angst, dass er ins offene Grab fällt. Aber wahrscheinlich gibt es auch gute Priester.

» blümchen » Beiträge: 4863 » Talkpoints: 58,00 » Auszeichnung für 4000 Beiträge


Blümchen, die deutsche Bischofskonferenz sieht geziemende kirchliche Kleidung vor. Liturgische Gewänder gehören in die Kirche und auf Prozessionen, die Soutane musste in meiner Kindheit schon lange nicht mehr ständig getragen werden. Hier in der Gegend trägt das Bodenpersonal im Dienst normalerweise einen Oratorianer Kragen, den die meisten Menschen nicht einmal als kirchlich erkennen.

Dann sollte man, insbesondere in der Ausbildung zu dem Job, wissen, dass soziales Engagement nicht der große Schwerpunkt der Arbeit ist. Gottesdienste, Führung der Gemeindeverwaltung inklusive Personal und Seelsorge gehören zur Jobbeschreibung. Das ist ein Posten, der ziemlich einer Verbeamtung ähnelt. Da könnte man sich auch beschweren, dass Lehrer, Jugendamtsmitarbeiter oder Sozialarbeiter in ihrer Freizeit nicht genügend soziales Engagement zeigen.

Außerdem stellt sich die Frage, ob das tatsächlich so ist. In meinem Bistum gibt es an jeder Ecke sozialpastorale Zentren. Das muss man natürlich wissen, denn in die Ecken verirren sich Menschen in besserer Lebenssituation so gut wie nie. Unser nächstgelegenes Zentrum bietet unter anderen einen Mittagstisch, Hilfe bei Behördengängen, Sprachkurse, Schulunterricht für Kinder, die in meiner Stadt keinen Schulplatz haben, Hebammensprechstunden und medizinische Versorgung für Menschen ohne Krankenversicherung, Wasch- und Duschgelegenheiten, Notschlafplätze. Und nein, die Stadt finanziert das nicht.

Der zuständige Geistliche ist ständig auf der Suche nach Geld. Zusätzlich hält er noch Gottesdienste in Wohnungen von Pflegebedürftigen, die es nicht in die Kirche schaffen, ab. Da wird dann eben das Bügelbrett zum Altar. Sehen tut man davon allerdings nichts.

Und selbst hier in der Großstadt mitten im Ballungsraum werden ständig Gemeinden zusammengefasst, Kirchen geschlossen und Gottesdienste finden in den verschiedenen Kirchen abwechselnd statt, weil Personal eingespart wird. Da sitzt dann einer ständig im Auto, um Gottesdienste, Beerdigungen, Besuche bei Gemeindemitgliedern und die Beichttermine unter einen Hut zu bringen.

Nimm nur dieses Wochenende: In der örtlichen Großgemeinde bringt der gute Mann heute vier Gottesdienste in vier verschiedenen Kirchen und morgen fünf über die Bühne. Dienstags und Donnerstags sieht es ähnlich aus. Dazu kommen die Gottesdienste in zig Altenheimen, Beerdigungen, Krankensalbungen, Kommunionsunterricht, Hochzeiten mit Ehevorbereitungsgesprächen, Taufen und ein Haufen Verwaltungskram. Soziales Engagement ist da Freizeitbeschäftigung und die darf sich auch das Bodengeschwader selbst aussuchen, oder?

» cooper75 » Beiträge: 12777 » Talkpoints: 385,30 » Auszeichnung für 12000 Beiträge


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