Eltern behandeln Jungen wie Mädchen!

vom 23.03.2010, 22:36 Uhr

Hallo,

ich arbeite als Kindergärtnerin in einer Kleinkinderkrippe mit Kindern zwischen 1 und 3 Jahren und habe momentan einen Jungen bei mir in der Gruppe der von seinen Eltern behandelt wird, wie ein Mädchen. Der Junge ist knapp zwei Jahre alt und kann sich nur sehr schlecht äußern. Er ist allgemein etwas langsam, spricht nicht und sehr unselbstständig- er braucht für jeden Handgriff einen Erwachsenen und wird zu Hause total verwöhnt.

Nun fällt meiner Kollegin und mir aber in letzter Zeit vermehrt auf, dass der Junge immer wieder Mädchenkleidung- rosa Strumpfhosen, rosa Schuhe- trägt, rosa Schnuller besitzt und sogar Nagellack auf den Fingern hat. Der Junge hat keine Geschwister und auch sonst sind uns keine verwandten Kinder bekannt- der Junge ist zugewandert und hat nur seine Eltern hier.

Wie würdet ihr reagieren, wenn ein Kind das ihr kennt ständig wie ein Mädchen behandelt wird? Sollen wir die Eltern mal darauf ansprechen oder es beruhen lassen? Ich denke natürlich, dass es Sache der Eltern ist, was sie mit ihrem Kind tun und wie sie es kleiden. Ich denke aber gleichzeitig auch, dass es irgendwie falsch ist, aus einem Jungen ein Mädchen zu machen, "nur" weil man sich vielleicht lieber ein Mädchen gewünscht hätte.

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» Nipfi » Beiträge: 3076 » Talkpoints: 8,28 » Auszeichnung für 3000 Beiträge



Wie schön, dass du so festgelegte Klischeebilder davon hast, wie ein Mädchen auszusehen hat und wie ein Junge auszusehen hat. Da bekommen die Kinder ja schon direkt früh mit, was sich hinter dem Begriff Intoleranz verbirgt. Ich nehme mal an, dass es für dich auch nicht möglich ist zu akzeptieren, wenn jemand sogenannte gegengeschlechtliche Kleidung trägt, also wenn eine Frau Männerboxershorts oder ein Mann enge Miss-Sixty-Hosen trägt.

Bei Mädchen und Frauen wird es allgemein nicht beanstandet, wenn diese Anzüge, gerne auch Männeranzüge, Männerunterwäsche oder einfach nur schwere Boots aus der Herrenabteilung tragen. Im Gegenteil: oft ist das richtig cool und wird höchstens mal mit lesbischen Neigungen der Trägerin assoziiert. Wenn nun ein Junge eine rosa Strumpfhose trägt, gerät aber gleich die Welt aus dem Gleichgewicht. Diese Einstellung finde ich hinterwäldlerisch und hatte eigentlich gehofft, dass solche Klischeebilder langsam aussterben. Scheinbar ist das nicht der Fall.

Du hast geschrieben, dass der Junge wie ein Mädchen behandelt wird. Wo findet denn eine spezielle Behandlung statt? Oder ist die Kleidung allein schon ein Zeichen für eine (in deinen Augen) falsche Behandlung? Wer sagt dir, dass es dem Kind nicht vielleicht sogar gefällt, diese Sachen anzuziehen? Mein Bruder hatte als kleiner Junge viele rosa Sachen, unter anderem ein rosafarbenes Fahrrad und auch Puppen mit rosafarbenen Klamotten. Er ist heute nicht tuntig, nicht transsexuell, kein Transvestit und noch nicht einmal schwul. Bist du nun enttäuscht?

Problematisch finde ich vor allem die Tatsache, dass das Kind nicht gut spricht und offenbar in seiner Entwicklung zurückhängt. Das sind echte Probleme und um die sollte man sich sicher auch Gedanken machen. Auch die Tatsache, dass der Junge Nagellack trägt, finde ich ziemlich blöd, allerdings nicht weil es sich um einen Jungen handelt, sondern generell. Ich finde es furchtbar, wenn Eltern ihre Kinder schminken oder anderweitig anmalen. Das hat mit Kindsein meiner Meinung nach nichts zu tun. An den rosafarbenen Sachen solltest du dich nicht aufhängen, da es weit gravierendere Dinge gibt, wie bereits geschrieben.

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» Cologneboy2009 » Beiträge: 14210 » Talkpoints: -1,06 » Auszeichnung für 14000 Beiträge


Es ist schon komisch, wenn ein Mädchen wie ein Junge behandelt wird und kurze Haare trägt, nur Jeans und Flanellhemd und nur mit Autos spielt, wird nie was gesagt. Aber wenn ein Junge das Klischee bedient, wie ein Mädchen eigentlich auszusehen hat, wird sich drüber mukiert.

Was ist eigentlich schlimm daran? Vielleicht findet der Junge das selber schön und möchte Nagellack haben oder er sucht sich die Strumpfhosen selber aus. Manche Eltern machen das und kaufen nur die Klamotten, die die Kinder schön finden. Ich finde da absolut nichts schlimmes bei.

Der Junge ist 2 Jahre. Wenn ihm das nicht mehr gefällt, wird er das irgendwann den Eltern sagen. ich denke nciht, dass ihm das schaden wird. Ich war als Kind eher ein Junge. Keiner konnte mir klassiche Mädchenklamotten anziehen und wenn mir jemand eine Puppe geschenkt hat, der habe ich eher den Kopf abgerissen, als dass ich damit gespielt habe. Ich habe das Spiel mit den Autos geliebt. Irgendwann hat sich das aber gegeben. Und genauso war meine Tochter auch. Ich habe sie nie wie ein Mädchen anziehen können. Das wollte sie einfach nicht.

Ist es schlimmer, wenn man einen Jungen wie ein Mädchen kleidet als ein Mädchen wie einen Jungen? Ist es schlimm, wenn ein Junge Nagellack trägt? Mein Sohn wollte auch immer Nagellack haben, wenn ich mir meine Fingernägel lackiert habe. Ja und? Ich habe es ihm gegeben. Er war stolz darauf und aus ihm ist ein "ganzer Kerl" geworden.

Ich würde auf gar keinen Fall die Eltern darauf ansprechen. Es ist ihre Sache, wie sie das Kind anziehen. Und wenn es so wäre, dass die Eltern lieber ein Mädchen gewollt hätten, geht es dich schlichtweg nichts an. Auch wenn du Erzieherin bist. Es ist eine Sache der Eltern und des Kindes. Es wird früh genug merken, was ihm selber nicht gefällt.

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» Diamante » Beiträge: 41749 » Talkpoints: -4,74 » Auszeichnung für 41000 Beiträge



Ich kann Nipfi ein wenig verstehen. Ich würde es auch seltsam finden, wenn es zu sehr ausartet. Ich habe meinem Sohn auch schon mal eine rosane Strumpfhose angezogen, allerdings war das eher eine Notlösung beziehungsweise habe ich das nur gemacht, wenn ich gewusst habe, dass wir nur schnell einkaufen gehen oder draußen Spielen und das nicht besonders auffällt, weil darüber ja noch eine andere Hose war.

Ich habe viele Babysachen von anderen Kindern ausgeliehen und da war eben auch diese rosane Strumpfhose dabei. Extra gekauft hätte ich sie nicht. Und einen rosanen Schnuller hätte ich wohl auch nicht gekauft. So sehr mir selber die Farbe rosa auch gefällt und ich mir lange Zeit auch ein Mädchen gewunschen habe.

Ich glaube nicht, dass das Kind in diesem Alter irgendeinen Schaden bekommt, wenn es Mädchenkleidung anzieht, solange es zumindest keine Röcke oder Kleider sind, aber ich würde dennoch aufmerksam werden. Es gibt schon auch Eltern, die wirklich ein Problem mit dem Geschlecht ihres Kindes haben und nicht einfach nur tolerant sind. Deswegen finde ich nichts dabei, wenn mit den Eltern gesprochen wird, einfach um die Gründe herauszufinden. Die können sehr vielseitig sein. Vielleicht können sie sich keine Babykleidung leisten und bekommen vieles geliehen und da sind viele Mädchensachen dabei, oder sie haben wirklich kein Problem damit und sind einfach sehr tolerant und wollen bewusst dem noch immer aktuellen Trend der unterschiedlichen Kleidung entgegensetzen oder sie haben eben wirklich ein Problem mit dem Geschlecht.

In diesem Fall sollte man dann schon schauen, wie sehr das für die Eltern zum Problem wurde und eventuell doch Hilfe anbieten. In meinem Kindergarten (ist also schon eine Weile her :D ) gab es auch Eltern, die mit dem Geschlecht des Kindes gar nicht zurechtkamen. Da war es jedoch umgekehrt. Sie hatten ein Mädchen und haben sich unbedingt einen Sohn gewunschen. In dem Fall ist es noch weniger auffällig, weil Mädchen leichter Bubenkleidung tragen können, und ein Mädchen muss ja nicht ständig Rüscherl, Mascherl, Röcke und Kleider tragen, aber ich kann mich noch gut erinnern, dass es sogar für mich als Kind etwas seltsam war, weil sie auch tatsächlich wie ein Bub ausgesehen hat. Eine fremde Person wäre nie auf die Idee gekommen, dass das Kind eigentlich ein Mädchen ist und das aber mit 5 / 6 Jahren.

Ein Gespräch mit den Eltern halte ich also schon für sinnvoll. Man kann es ja einmal vorsichtig hinterfragen ohne gleich mit Vermutungen oder Befürchtungen loszulegen.

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» tournesol » Beiträge: 7714 » Talkpoints: 32,36 » Auszeichnung für 7000 Beiträge



Also Nipfi, zu dir in den Kindergarten würde ich meine Kinder aber nicht geben wollen. Dürfen bei dir Jungen auch nur mit Autos spielen und Mädchen nur mit Puppen? Irgendwie scheinst du da ziemlich viele veraltete Einstellungen zu haben, bezüglich der Kleidung von Jungen und Mädchen.

Du solltest erst einmal herausfinden, was überhaupt dein Problem ist. Warum soll der Junge denn keine rosa Sachen tragen? Vielleicht gefallen ihm die rosa Sachen ja und er trägt sie gerne. Was stört dich denn genau daran, dass das Kind rosa Sachen trägt? Nur, weil er ein Junge ist und Jungen blau tragen "müssen"?

Ich würde an deiner Stelle die Eltern gar nicht darauf ansprechen. Es geht dich einmal nichts an, was das Kind trägt und du könntest da auch in ein ziemliches Fettnäpfchen treten. Vielleicht haben sich die Eltern gar kein Mädchen gewünscht, sondern der Junge wollte den Nagellack sogar ausprobieren.

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» pepsi-light » Beiträge: 6018 » Talkpoints: 2,14 » Auszeichnung für 6000 Beiträge


Egal ob als außenstehendes Elternteil oder aber gar als Erzieherin (in dem Fall noch viel eher) des Jungen würde ich mal mit den Eltern darüber sprechen, dass ich es vielleicht schon eher ungewöhnlich finde, dass ein Junge in rosa gekleidet ist und auch Nagellack trägt. Das wäre meine erste Reaktion und nicht irgendwelche Vermutungen, die in der Regel sowieso nicht zutreffen.

Dass der Junge hauptsächlich rosa trägt finde ich übrigens nicht so schlimm. Im Gegenteil, es soll ja auch männliche Wesen geben, denen diese Farbe steht und die sollten die dann auch tragen, auch wenn es scheinbar noch immer eine eher weibliche Farbe ist.

Was mich hier eher noch irritieren würde, dass ein zweijähriges Kind noch einen Beruhigungssauger im Kindergarten braucht. Darüber würde ich mir eher Gedanken machen und da wird von Seiten der Erzieher meines Kindes in der Kita schon darauf geachtet, dass die zweijährigen tagsüber keinen Sauger mehr brauchen.

Und wer sagt eigentlich, dass die zugewanderte Familie nicht doch schon Kontakte hat und eben so auch in den Besitz rosafarbener Kleidung zu kommen.

» JotJot » Beiträge: 14058 » Talkpoints: 8,38 » Auszeichnung für 14000 Beiträge


Also ich muss jetzt Nipfi einmal in Schutz nehmen: Natürlich sind wir als Kindergärtnerinnen bemüht, nicht in die "Rollenvorbildfallen" zu treten. Allerdings würde es sicher auch ungelernten Kräften auffallen, wenn der Junge wirklich so wie ein Mädchen sich anzieht und sich die Nägel anmalt- mit den Eltern ein Gespräch steht aber natürlich nicht wegen dem Outfit des Jungen an (das ist seine Sache oder Sache der Eltern), sondern, wie schon erwähnt, bei den Sprachdefiziten des Jungen.

Diesbezüglich sollte man auf jeden Fall mit den Eltern des Jungen ein Gespräch führen und ihnen eventuelle Förderungsmöglichkeiten (interne oder externe Logopädie) aufzeigen und anbieten. Keinesfalls würde ich das Outfit oder Maniküre ansprechen, dies sollte wirklich jedem Kind und den Eltern selber überlassen sein.

» nordseekrabbe » Beiträge: » Talkpoints: Gesperrt »



Was haben denn die Entwicklungsdefizite des Jungen damit zu tun, dass die Eltern ihm "Mädchenkleidung" anziehen? Ich verstehe nicht, warum du diese beiden Dinge unter derselben Überschrift erwähnst. Willst du damit etwa sagen, dass der Junge ein Spätentwickler ist, weil seine Eltern ihn nicht "wie einen Jungen" behandeln?

Meine Meinung zu dem Thema ist gespalten. Klar ist es überhaupt keine Frage, dass ein Junge auch rosa Sachen tragen kann. Dagegen ist doch nichts einzuwenden. Und wer heutzutage immer noch denkt, die Farbe rosa sei nur etwas für Mädchen - was gerade bei so kleinen Kindern völlig absurd ist - der ist in seinen Ansichten, finde ich, mindestens fünfzig Jahre hinterher. Ganz ehrlich: diese Trennung von Jungs- und Mädchensachen ist doch total kindisch und unnötig. Jedes Kind sollte sebst entscheiden dürfen, was es anziehen will und womit es spielen will. Mein Bruder hat als Kleinkind ein Spitzenkrägelchen getragen und er hat öfters mal mein rosa Rüschenkleid angezogen, weil er das bei mir so schön fand (mit dem Kleid durfte er sogar einmal die Braut spielen :) ). Ich habe mich als Kind oft auch eher "jungenhaft" benommen und mit "Jungenspielzeug" gespielt und habe die Farbe rosa und typische Mädchensachen gehasst. Für mich ist es selbstverständlich, dass man Kinder in dieser Hinsicht so sein lässt, wie sie es wollen.

Auf der anderen Seite weiß ich von meiner Oma väterlicherseits, dass sie sich immer eine Tochter gewünscht hat und stattdessen aber drei Söhne bekommen hat. Sie hat diese dann bis zum Schulalter oft in Kleider gesteckt und ihnen lange Haare wachsen lassen und Frisuren gemacht, damit sie wie Mädchen aussehen. Das finde ich wiederum nicht ganz in Ordnung, weil die Mutter sie ja so auch in ein bestimmtes Bild gepresst hat. Es wäre kein so großes Problem gewesen, hätte meine Oma jetzt ein völlig neutrales Geschlechterbild gehabt und wäre tolerant gegenüber allen Lebensformen gewesen, aber ich weiß, dass es nicht so war. Einen schwulen Sohn hätte sie bestimmt nicht akzeptiert - sie wollte nur ein kleines kleidchentragendes Kind haben. Wenn die Eltern dieses Kindes auch so drauf sind, finde ich das ein bisschen problematisch - sie könnten ihrem Sohn das Gefühl geben, er sei nicht gut genug, weil er ein Junge ist.

Außerdem gibt es noch die Möglichkeit, dass die Eltern ihrem Sohn einfach aus praktischen Gründen rosa Sachen anziehen und nicht weil er es sich ausdrücklich wünscht. Vielleicht haben sie die abgelegten Kleider von einem Mädchen geschenkt bekommen oder billig irgendwo gekauft und machen sich schlicht und einfach nichts daraus, dass sie rosa sind. Das ist ja auch völlig unwichtig.

Aber nur wegen ein paar rosa Anziehsachen oder Nagellack würde ich keine Vermutungen äußern. Ich würde die Eltern auch nicht darauf ansprechen, ob sie sich lieber eine Tochter gewünscht hätten; das wäre eine zu intime und unangemessene Frage. Dazu müsste man die Eltern, finde ich, besser kennen und mehr Indizien haben. Und es ist auch sehr viel wahrscheinlicher, dass die Eltern andere Beweggründe haben, ihren Sohn so anzuziehen; siehe oben.

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» microonde » Beiträge: 231 » Talkpoints: 0,30 » Auszeichnung für 100 Beiträge


Auch wenn man es nicht wahrhaben will sind diese Vorstellungen, dass rosa eine Mädchenfarbe ist und blau für Jungs gedacht ist in Kinderköpfen sehr verankert. Ich weiß nicht mehr wo, aber ich habe mal gelesen, dass diese Tradition gar nicht so alt ist und bis vor einiger Zeit Zeit angeblich kleine Jungs noch die Farbe rosa und kleine Mädchen die Farbe blau zugeordnet hatten. Das zeigt mir, dass es im Grunde total relativ ist. Beides ist eine Pastellfarbe und letztenendes ist es kein Naturgesetz. Wenn der Junge dann eines Tages von seinen Spielkameraden mitgeteilt bekommt, dass seine Lieblingsfarbe eine Mädchenfarbe ist, wird er das etwa ab 3 Jahren verstehen und dann rosa ablehnen. So lange das Kind aber noch keine Abneigung zeigt, was es tragen soll, ist es doch völlig unerheblich, ob er rosa, lila, grüne oder blaue Sachen trägt. Hauptsache die Klamotten sind sauber, ordentlich, zweckmäßig und witterungsgemäß.

Ich kenne auch eine Familie, wo ein Junge von Klein auf immer Mädchenkleider tragen wollte. Trotz Hänselein der anderen Jungs will er weiterhin Kleider tragen und trägt die auch mit Selbstbewusstsein in der Öffentlichkeit. Und wenn schon. Sicher kommt man da schon auf die Idee, ob der Knabe vielleicht doch tendenziell schwul ist, wenn er sich so nach dem weiblichen Rollenbild orientiert. Sicherlich möchte man als Eltern doch irgendwie, dass das eigene später mal hetero wird, denn sonst wird es mit den Enkelkindern eher unwahrscheinlich. Aber letztenende sollte man da versuchen locker zu bleiben und das Kind in seiner Individualität respektieren.

Wenn ich als Lehrer oder Erzieher mit den Eltern da das Gespräch suchen würde, würde ich sie auf jeden Fall darauf hinweisen, dass sie damit rechnen sollten, dass Kinder oft intolerant reagieren, wenn einzelne Kinder vom Mainstream abweichen und dass sie damit rechnen müssen, dass ihr Sohn eines Tages wegen der mädchenhaften Vorlieben gemobbt wird. Schließlich sind es erfahrungsgemäß die Kinder in einer Klasse die Mobbingopfer werden, die irgendwie anders sind. Ich würde die Eltern darauf hinweisen, dass sie dafür gezielt darauf hinarbeiten, dass das Kind genug Selbstbewusstsein braucht, um sich durchzusetzen und seinen Standpunkt gegen Gegenwind zu verteidigen. Das wird nicht immer einfach.

Mit dem Nägel lackieren ist das so eine Sache. Im Grunde ist es auch nicht nötig, dass man kleinen Mädchen in dem Alter die Nägel lackiert. Aber Kinder lernen nun mal gerne durch Nachahmung. Heute ist es auch nicht mehr so, dass sich nur Frauen die Nägel lackieren. Ich kenne auch Männer, die sich gerne transparenten oder schwarzen Lack auf die Nägel geben und die Nägel sorgfältiger maniküren als manche Frau. Trotzdem sind sie hetero und wirken männlich auf mich.

Vielleicht gibt es auch eine ganz banale Ursache für das Verhalten der Eltern. Möglicherweise haben sie, wie schon einige vermuteten, wenig Geld und tragen alte Kinderkleidung von einem Mädchen aus der Verwandtschaft auf und die Schnuller werden einfach farblich passend dazu gekauft. Möglicherweise läuft aber dieses Verhalten bei den Eltern gar nicht bewusst ab. Denkbar wäre, dass in diesem Elternhaus schon mal ein Töchterchen vorhanden war und vielleicht an einer Krankheit gestorben ist. Dass sich dann die Eltern durch das neue Kind an die verstorbene Tochter erinnert fühlen und die Eltern sich durch das neue Kind ein wenig über den Schmerz des Verlustes trösten wollen, sollte normal und nachvollziehbar sein. Ich würde mich aber hüten, so etwas zu unterstellen. Ich würde als Erzieher eher die Eltern mal zu einem Entwicklungsgespräch einladen und mitteilen, dass ihr Sorgen wegen der Sprachentwicklung habt. Anlässlich dieser Mitteilung könnt ihr ja vorsichtig versuchen die Krankengeschichte des Jungen zu erfahren, ob er zum Beispiel oft Ohrenentzündungen hatte und deshalb lange schlecht gehört hat oder so. Kinder die viel krank sind oder waren werden von den Eltern ja oft in Watte gepackt und verwöhnt. Wenn man die Eltern in so ein vertrauliches Gespräch verwickelt hat, lässt sich vielleicht auch herausfinden, warum sie ihn so sehr verwöhnen. Eltern darauf hin zu weisen, dass sie ihr Kind durch übermäßiges Verwöhnen verzärteln ist glaube ich immer noch einfacher, als mit Eltern zu sprechen, die ihr Kind vernachlässigen.

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» trüffelsucher » Beiträge: 12446 » Talkpoints: 3,92 » Auszeichnung für 12000 Beiträge


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