Sollte telefonische Krankschreibung dauerhaft nutzbar sein?

vom 19.07.2022, 21:08 Uhr

Wegen der aktuell steigenden Corona- und Erkältungsfälle fordern Hausärzte , dass sie ihre Patienten wieder telefonisch krankschreiben können. Es sei ärgerlich, dass die Möglichkeit zur telefonischen Feststellung der Arbeitsunfähigkeit nicht in die Regelversorgung übernommen worden sei.

Seit 01.06.2022 müssen Patientinnen einen Arzt wieder direkt in einer Praxis oder Videosprechstunde konsultieren. Vorher galt während der Corona-Pandemie, dass für sieben Tage auch nur nach telefonischer Rücksprache die Krankschreibung möglich war.

Ärzte halten diese Vorgehensweise langfristig bei einem einfachen grippalen Infekt oder auch bei einem milden Corona-Verlauf für absolut sinnvoll. Und auch Patienten stimmen dem weitgehend überein. Viele sehen keinen Sinn darin, sich krank mit Fieber und Erkältungssymptomen in eine Arztpraxis zu schleppen.

Wie seht ihr das, sollte die telefonische Krankschreibung wieder eingeführt werden und langfristig möglich sein? Worin seht ihr Vor- und Nachteile? Denkt ihr, dass es durch diese Möglichkeit mehr Pseudokranke/Blaumacher geben wird?

» EngelmitHerz » Beiträge: 3943 » Talkpoints: 17,00 » Auszeichnung für 3000 Beiträge



Ich halte es gerade für kurzzeitige Krankschreibungen eigentlich für völlig unnötig, dass man sich manchmal stundenlang in eine Arztpraxis setzen muss, was gerade bei Infekten der Heilung nicht förderlich ist und auch eine zusätzliche Infektionsgefahr (egal welcher Erreger) für die Mitpatienten darstellt. Und das alles dann dafür, dass man einen Krankenschein für drei, vier oder fünf Tage bekommt, weil der Arbeitgeber unbedingt auch für kurzfristige Krankenzeiten eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung sehen will.

Da wäre es doch viel unkomplizierter wieder die telefonische Krankschreibung einzuführen. Man kann es ja auf eine Woche begrenzen und bei Verlängerung dann zwingend einen Arztkontakt vorschreiben. Natürlich wird das dann auch zu Missbräuchen führen. Aber ganz ehrlich, es gibt doch auch so genug Arbeitnehmer, die auch mal einen Krank ohne Schein Tag nehmen, wenn es der Arbeitgeber zulässt, weil kein Urlaub mehr über ist oder ein wichtiger Termin ansteht oder man sich einfach nicht fit fühlt. Und es gibt auch so Menschen, die beim Arzt so tun als wären sie krank und dann für eine Woche einen Schein kriegen.

Das kann man nun einmal so oder so nicht ausschließen und wir wollen das ja auch nun nicht alles ewig und aufwändig kontrollieren. Unterm Strich ist es wahrscheinlich sogar billiger ein paar schwarze Schafe in Kauf zu nehmen und es dafür für den Großteil der Patienten unkompliziert zu gestalten. Und seien wir doch mal ehrlich. Gerade bei grippalen Infekten oder auch bei vielen leichten Covidverläufen haben doch die Ärzte auch nicht viel gemacht. Da gibt es eine symptomatische Therapie und das war es. Der Hauptgrund für den Arztbesuch an sich war und ist da ja nicht unbedingt, dass man eine Wundertherapie bekommt, sondern das man eben den Krankenschein braucht.

» Klehmchen » Beiträge: 5487 » Talkpoints: 1.012,67 » Auszeichnung für 5000 Beiträge


Ich finde dieses System sowieso total unnötig. In anderen Ländern klappt das erheblich unkomplizierter. In Großbritannien braucht es das Attest vom Arzt er nach einer Woche. Damit sind die üblichen Verdächtigen wie Erkältung, Magen-Darm oder Migräne und Menstruation, die einfach Zeit brauchen, abgedeckt und bei ernsteren Geschichten muss man ja sowieso zum Doc.

In den Niederlanden entscheidet der Arbeitgeber, ob der Betriebsarzt mal draufgucken soll, um zu beurteilen, ob der Mitarbeiter wirklich krank ist und Lohnfortzahlung erhält. Auch da sind die typischen Kleinbeschwerden abgedeckt und wenn es ernster ist, geht man sowieso zum Doc. Wer nicht übertreibt, hat normalerweise keine Probleme.

Die Dänen sind noch härter drauf. Da zahlt der Arbeitgeber richtig viel, wenn er eine ärztliche Bescheinigung verlangt. Das alles ist viel angenehmer und nimmt den Stress raus. Das gilt auch für den Hausarzt, der nicht morgens gelbe Scheine im Akkord schreiben muss.

Was musste ich früher oft zum Arzt. Seit ich im Ausland gearbeitet habe und hier selbstständig bin, gehe ich nur noch für die Routineuntersuchungen. Erkältungen oder so etwas kuriere ich entspannt aus, statt sich krank zum Arzt zu schleppen und Erreger zu verbreiten. Dazu falle ich auch noch weniger aus, weil die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung meist mehr Tage umfasste.

» cooper75 » Beiträge: 13340 » Talkpoints: 501,48 » Auszeichnung für 13000 Beiträge



Ich denke eher, dass das System tatsächlich entspannter organisiert werden sollte. Ich komme aus einem Land, in dem das System tatsächlich noch viel strikter ist. Dort musst du am ersten Tag deines Krankseins bereits eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorlegen und darfst an sich die ersten fünf Tage nicht das Haus verlassen, je nach Erkrankung natürlich. Teilweise wird das sogar von Arbeitgebern kontrolliert. Nicht mal Einkaufen dürftest du dort mit einem einfach Infekt, wenn er denn länger dauert. Bist du kürzer krankgeschrieben, musst du nochmal zum Arzt um dich gesundschreiben zu lassen.

Ich kann mich nicht erinnern, dass ich die telefonische Krankschreibung genutzt habe. Ich habe immer meine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausstellen lassen und jemand hat sie dann abgeholt, wenn ich denn flachlag. Daher habe ich sozusagen gar keine wirklichen Erfahrungen mit dem System und kann somit weder die Vor- und Nachteile benennen. Trotz allem bin ich dafür, dass man den Stress aus dem System rausholt und vielleicht die Krankmeldezeiten etwas verlängert und auch die Attestpflicht etwas lockerer betrachtet.

» Wibbeldribbel » Beiträge: 12558 » Talkpoints: 4,06 » Auszeichnung für 12000 Beiträge



Ich wüsste ebenfalls nicht, was dagegen spräche. Gerade auf dem Land wird sowieso schon ewig der Ärztemangel beklagt, und auch meine Hausarztpraxis ist derart überlastet, dass selbst telefonisch manchmal kein Durchkommen ist. Aber es ist immer noch erheblich entspannter, dort im Zehnminutentakt anzurufen als im Wartezimmer zwei Stunden Keime zu verbreiten.

Ich bin jetzt auch lange genug Arbeitnehmerin, dass mir das inhärente Misstrauen gegenüber der "Bevölkerung" im weitesten Sinne allmählich tierisch auf den Sack geht. Einerseits geht man davon aus, dass die ArbeitnehmerInnen brav, fleißig und qualifiziert arbeiten, alle möglichen staatlichen Defizite abfangen, den Laden am Laufen halten und nebenbei noch Ehrenamt, Kindererziehung und Betreuung der Großeltern stemmen.

Andererseits wird bei jedem minimalen Zugeständnis sofort befürchtet, dass das jetzt alle missbrauchen und munter krankfeiern, wenn man sie nicht zwingt, vor der Ärztin die Zunge rauszustrecken, und so Zeit und Energie zu verschwenden, die für die wichtigen Fälle fehlt. Gerade so, als gäbe es nur impulsive, unbekümmerte Teenager ohne jede Verantwortung da draußen, die einfach nur gern die Schule schwänzen. Womit ich mittlerweile auch kein Problem mehr habe.

» Gerbera » Beiträge: 11302 » Talkpoints: 45,13 » Auszeichnung für 11000 Beiträge


Gerbera hat geschrieben:dass mir das inhärente Misstrauen gegenüber der "Bevölkerung" im weitesten Sinne allmählich tierisch auf den Sack geht.

Das ist ja nicht nur gegen die Bevölkerung. Das ist ja im gesamten Gesundheitssystem verankert und natürlich auch im Rest unseres Staates. Aber wenn ich anschaue, dass bei den medizinischen Diensten, die die Behandlungen und vor allem die Rechnungen im Gesundheitssystem überprüfen allein fast 10.000 Menschen arbeiten, kostet uns das mindestens eine halbe Milliarde im Jahr allein an Lohnkosten, wahrscheinlich sogar noch viel mehr.

Und dem gegenüber steht wahrscheinlich eine noch viel größere Anzahl an Controllern bei den Leistungserbringern, die versuchen den MDK auszutricksen. Wir geben da also bestimmt weit mehr als 1 Milliarde nur dafür aus, dass da Leute wie auf einem türkischen Basar verhandeln, wo mal das Krankenhaus ein paar Kröten mehr kriegt und wo der MDK ein paar Kröten wieder einfordert. Das ist Geld was an keiner einzigen Stelle irgendwem dem Gesundheitswesen zu kommt und einem Patienten hilft.

Unserer Gesellschaft würde da etwas Lockerheit sicherlich helfen und ob wir dann tatsächlich durch ein wenig Missbrauch mehr Geld verlieren als wir einsparen würden, wenn wir dieses ganze Horch und Guck System abschaffen würden, glaube ich einfach nicht. Aber lieber geben wir 10 Euro aus um sicherzustellen, dass nicht an irgendeiner Stelle 1 Euro unberechtigt bezahlt wird.

» Klehmchen » Beiträge: 5487 » Talkpoints: 1.012,67 » Auszeichnung für 5000 Beiträge


Als jemand, der selbst schon Erfahrungen mit telefonischen Krankschreibungen gemacht hat, kann ich die Forderung der Hausärzte durchaus nachvollziehen. Insbesondere bei einem einfachen grippalen Infekt oder milden Corona-Verlauf sehe ich es als sinnvoll an, wenn man nicht extra in die Arztpraxis gehen muss, sondern telefonisch eine Krankschreibung erhalten kann.

Ein großer Vorteil wäre hierbei sicherlich, dass man sich nicht mit anderen kranken Patienten in der Arztpraxis anstecken würde und somit das Risiko einer weiteren Ausbreitung von Infektionskrankheiten minimiert werden könnte. Auch für Patienten, die beispielsweise auf dem Land wohnen und einen weiten Weg zur nächsten Arztpraxis haben, wäre eine telefonische Krankschreibung eine Erleichterung.

Allerdings gibt es auch Nachteile, die man bedenken muss. So besteht bei einer telefonischen Krankschreibung natürlich das Risiko, dass Patienten sich krankmelden, obwohl sie gar nicht wirklich krank sind und somit das System ausnutzen. Auch kann es schwierig sein, eine Diagnose zu stellen, ohne den Patienten persönlich gesehen und untersucht zu haben. Hier muss dann der Arzt entscheiden, ob eine persönliche Untersuchung unbedingt notwendig ist.

» Aguti » Beiträge: 3109 » Talkpoints: 27,91 » Auszeichnung für 3000 Beiträge



Aguti hat geschrieben:Allerdings gibt es auch Nachteile, die man bedenken muss. So besteht bei einer telefonischen Krankschreibung natürlich das Risiko, dass Patienten sich krankmelden, obwohl sie gar nicht wirklich krank sind und somit das System ausnutzen. Auch kann es schwierig sein, eine Diagnose zu stellen, ohne den Patienten persönlich gesehen und untersucht zu haben. Hier muss dann der Arzt entscheiden, ob eine persönliche Untersuchung unbedingt notwendig ist.

Diese Probleme sehe ich tatsächlich eher weniger. Wie oben geschrieben, gibt es die Gefahr Krankenscheine zu ziehen ohne das jemand wirklich krank ist auch so. Was will man als Arzt denn machen, wenn der Patient sagt, er fühlt sich nicht, weil er zu Hause dauernd bricht und Durchfall hat? Oder Migräne oder Rückenschmerzen und so weiter. Das sind ja am Ende des Tages alles Erkrankungen, die sich kaum objektivieren lassen und die sich kaum nachprüfen lassen, ob der Patient das jetzt nur so sagt oder ob er zu Hause wirklich kaum krauchen kann oder den ganzen Tag auf der Toilette verbringt. Also gibt es da einen Krankenschein und gut ist. Wo wäre da der Unterschied dazu, wenn der Patient das ganze einfach am Telefon schildert und dann für eine Paar Tage einen Krankenschein bekommt und sich erst vorstellen muss, wenn es länger als 5 oder 7 Tage zum Beispiel dauert?

Der Schaden für die Arbeitgeber wäre überschaubar, da man so eine Zeitraum in vielen Betrieben ja schon irgendwie überbrücken kann, dass Missbrauchspotential hätte eine Grenze nach oben und es wäre jetzt auch nicht viel einfacher als es auch mit persönlichem Arztkontakt ist. Allenfalls die Hemmschwelle sich ein oder zwei Stunden in die Praxis zu setzen für den Krankenschein würde wegfallen. Und ob das jetzt so eine große Hemmschwelle ist, dass dadurch zehntausende Menschen weniger zum Arzt gehen glaube ich auch nicht.

Und ich sehe auch gar kein Problem darin, dass Ärzte dann keine Diagnose stellen können. Ja natürlich können sie es nicht zu hundert Prozent. Aber die Frage ist ja eher, müssen sie das denn? Müssen sie zwingend richtig liegen mit der Diagnose? Nein eigentlich gar nicht, da die Diagnose ja abgesehen von der Abrechnung für solche Fälle ja eigentlich völlig egal ist. Was spielt es für eine Rolle für dich als Patient, ob du jetzt mit einem grippalen Infekt zu Hause liegst, mit Migräne, mit Rückenschmerzen oder sonst was?

Im Grunde gar keinen. Zum einen wird das eh alles symptomatisch behandelt, zum anderen geht es ja hier nur darum, ob du einen Krankenschein bekommst oder nicht. Es geht ja gar nicht mal wirklich um die Behandlung deiner Erkrankung. Der Arzt soll am Telefon ja nur mit dir zusammen feststellen, ob du fit genug zur Arbeit bist oder nicht. Und am Ende des Tages trifft diese Entscheidung ja zum Großteil sogar der Patient selber in dem er dem Arzt erzählt, was er auf Arbeit machen müsste und wie anstrengend das wäre und das er das gerade gar nicht könnte. Der Arzt vollendet ja sogar nur den formalen Akt mit dem Schein und seiner Unterschrift.

Allenfalls muss der Arzt durch das Telefonat feststellen, ob du zwingend zu einem Arzt oder ins Krankenhaus muss und ganz ehrlich, dass machen die ganzen Rettungsdienstleitstellen schon seit Jahren am Telefon. Egal ob du den Rettungsdienst oder den kassenärztlichen Notdienst anrufst. Die gehen mit dir am Telefon Checklisten durch und entscheiden danach ob du einen Notarzt, einen Krankenwagen, den Kassenarzt in ein paar Stunden oder vielleicht einfach nur den Hausarzt in 1-2 Tagen brauchst ohne dich gesehen zu haben.

Also ich denke man macht hier um eine tatsächliche Vereinfachung für alle Beteiligten einen riesen Terz und lässt es am Ende daran scheitern, dass man dann in 0,00001% der Fälle einen Patienten übersieht, der wirklich einen Arzt gebraucht hätte.

» Klehmchen » Beiträge: 5487 » Talkpoints: 1.012,67 » Auszeichnung für 5000 Beiträge


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