Dürfen Lehrer "demotivieren"?

vom 08.01.2022, 23:52 Uhr

Momentan geht ein Bericht durch die Presse, dass eine Umfrage unter 7000 Lehrern aus ganz Deutschland ergeben hat, dass die Rückstände im Lernstoff, die die Schüler durch die pandemiebedingten Maßnahmen mittlerweile "angesammelt" haben, nicht mehr bis Schuljahresende aufzuholen sind. Befragt wurden vor allem Lehrkräfte am Gymnasium, da dort "Lücken" bei den Schülern im Hinblick auf die Abiturprüfungen besonders tückisch sind.

Für mich war das zunächst ziemlich schockierend, zu lesen, da ich weiß, dass die Kinder und Jugendliche bereits im Schuljahr davor einiges versäumt haben und ich mir Gedanken um die Zukunft dieser Jahrgänge mache. Andererseits ist es auch nicht wirklich verwunderlich, dass es so gekommen ist, da einfach zu viel Unterricht durch Quarantäne oder Schulschließungen ausgefallen ist und nur unzureichend aufgeholt werden konnte.

Was mir aber durch den Kopf geht ist die Frage, wie sich Schülerinnen und Schüler dabei fühlen, wenn sie solche Schlagzeilen lesen. Auch frage ich mich, ob die Lehrkräfte dies ihren Schülern nicht sogar schon gesagt haben, schließlich gehört zur Aufgabe des Lehrers auch, dass man den Lernstand seiner Schüler evaluiert.

Wie offen und ehrlich darf ein Lehrer aber dabei sein? Wie viel Ehrlichkeit ist in Ordnung und ab wann ist es nicht mehr konstruktiv, sondern eher destruktiv? Wenn einem zu oft gesagt wird, dass man z.B. scheitern wird, dann glaubt man am Ende vielleicht sogar selbst daran.

Wie weit kann also eine Lehrkraft gehen und den Schülern mitteilen, dass es so gut wie aussichtslos ist, den normalerweise für ihre Jahrgangsstufe benötigen Schulstoff, aufzuholen? Empfindet ihr dieses Wissen bereits als demotivierend?

Ich kann mir vorstellen, dass so mancher Schüler dann im Unterricht sitzt und sich fragt, wozu er sich überhaupt anstrengen soll. Andere treibt vielleicht sogar die Frage um, ob er oder sie bis zum Abschluss noch eine Chance hat, den geforderten Stoff aufzuholen, oder sie mit dem Wissen um diese Defizite in Richtung Abitur blicken müssen.

Ich denke, dass man als Lehrkraft sehr aufpassen muss, um Schüler nicht zu stark zu demotivieren, damit es keine selbst erfüllende Prophezeiung wird. Wie seht ihr das? Sollten Lehrer dennoch immer ehrlich sein, auch, wenn es manchmal ziemlich enttäuschend sein kann für die Schüler?

» Lily » Beiträge: 172 » Talkpoints: 42,83 » Auszeichnung für 100 Beiträge



Ich finde die ganze Frage unpassend und uninformiert. Der Philologenverband hat Mitglieder befragt. Da dieser Verband die Vertretung von Gymnasiallehrern und Lehrkräften an anderen Schulen, die zum Abitur führen, ist, werden naturgemäß bei einer Umfrage Gynasiallehrer angesprochen. Das hat nichts damit zu tun, dass das Abitur besonders schwierig ist. Eine Mitgliederbefragung der IG Metall richtet sich auch nicht an Milchtechnologen.

Und wenn der Fachverband seine Mitglieder befragt, um beispielsweise auf die Politik einzuwirken, dann sind ehrliche Antworten gefragt. Die mögen Schüler demotivieren, aber die sind nicht für sie gedacht. Außerdem was soll es in deinen Augen bringen, Schüler zu belügen, um vermeintlich die Motivation zu erhalten? Die Lücken sind nicht zu schließen, das schaffen nur wenige Überflieger mit engagiertem und idealem Elternhaus. Wie motivierend ist es wohl, in den Klassenarbeiten und Prüfungen baden zu gehen, wenn man sich den Hintern aufgerissen hat? Denn dann muss man wohl zu blöd sein, denn der Stoff wurde schließlich als schaffbar deklariert?

» cooper75 » Beiträge: 12515 » Talkpoints: 331,76 » Auszeichnung für 12000 Beiträge


Meine Meinung ist einfach, dass man sich auch im Klaren sein muss, dass Demotivation auch negative Effekte bringen kann. Eine realistische Auseinandersetzung ist sicherlich notwendig. Das Handtuch zu schmeißen, dass es im Januar, also noch vor Mitte des Schuljahres, bereits unschaffbar sei, das kann man als vorschnell sehen.

Du scheinst ja bereits der Meinung zu sein, dass es nur Hochbegabten gelingen könnte, aufzuholen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dir da zustimmen würde. Man muss den Stoff nicht um jeden Preis durchbringen, aber es ist noch nicht einmal Februar. Es ist noch einiges an Zeit, in der auch viel Stoff aufgeholt werden kann. Es geht schließlich darum, eine Basis für das nächste Schuljahr zu haben. Dafür muss man weder Überflieger sein noch aus reichem Hause stammen.

» Lily » Beiträge: 172 » Talkpoints: 42,83 » Auszeichnung für 100 Beiträge



Nun, in meinem Bundesland haben extrem viele Kinder und Jugendliche beispielsweise weder Zugang zum Homeschooling gehabt, die haben keinen Raum, um zu lernen und keine Eltern, die Unterstützung geben können. Das holst du nicht auf, ganz einfach. Zumal es ja weiter massiv Ausfälle und keine adäquaten zusätzlichen Fördermöglichkeiten gibt.

» cooper75 » Beiträge: 12515 » Talkpoints: 331,76 » Auszeichnung für 12000 Beiträge



cooper75 hat geschrieben:Nun, in meinem Bundesland haben extrem viele Kinder und Jugendliche beispielsweise weder Zugang zum Homeschooling gehabt, die haben keinen Raum, um zu lernen und keine Eltern, die Unterstützung geben können. Das holst du nicht auf, ganz einfach. Zumal es ja weiter massiv Ausfälle und keine adäquaten zusätzlichen Fördermöglichkeiten gibt.

Ich stimme dir absolut zu, dass die Umstände während der Schulschließungen katastrophal waren. Es ist jedoch meiner Meinung nach eben genau die Aufgabe der Lehrer, sich zu überlegen, was man jetzt machen kann, nachdem das "Kind schon in den Brunnen gefallen ist". Ich sehe hier sowohl von Lehrkräften als auch Kultusministern keine wirklichen Ansätze außer stures Festhalten am Lehrplan und dann ein panisches "Wir schaffen das niemals", wenn diese starren Pläne nicht aufgehen.

Die Tatsache, dass es eben keine Fördermöglichkeiten gibt oder Ideen, wie man das Problem angehen kann, das ist eben für mich Inbegriff des "Demotivierens". Es sind nicht die Schüler, die diese Probleme lösen müssen und ganz ehrlich, es sind auch nicht die Eltern.

» Lily » Beiträge: 172 » Talkpoints: 42,83 » Auszeichnung für 100 Beiträge


Ohne die Feststellung, dass es nicht geht, bewegen sich die Kultusminister ganz bestimmt nicht. Und realistische Einschätzungen sind der Job des Verbands. Der vertritt nämlich die Lehrer und nicht die Schüler. Und die können das nicht einfach auffangen oder den Lehrplan freier interpretieren. Ohne klare Worte wird es für die Kinder nicht besser, das motiviert dann auch nicht.

» cooper75 » Beiträge: 12515 » Talkpoints: 331,76 » Auszeichnung für 12000 Beiträge


Ich glaube, dass du mich da etwas falsch verstanden hast oder ich mich etwas ungeschickt ausgedrückt habe. Ich verstehe, dass jegliche Äußerung der Lehrer in Bezug auf die Öffentlichkeit einen appellativen Charakter haben muss. Die Kollateralschäden, die vor allem Kinder in dieser Zeit der Pandemie erlitten haben, sind enorm und trotz allem von den Politikern größtenteils ignoriert worden. Ich frage mich jedoch, wie das abseits der öffentlichen Bühne, nämlich im Klassenzimmer, ablaufen sollte.

» Lily » Beiträge: 172 » Talkpoints: 42,83 » Auszeichnung für 100 Beiträge



Die Frage, ob Lehrer demotivieren dürfen, ist einfach zu beantworten. Nein, das dürfen sie natürlich nicht. Trotzdem kann man den Schülern doch sagen, dass sie im Wissensstand ein Jahr zurückliegen. Dafür können sie aber nichts. Ich sage meinem Nachhilfeschüler auch, dass sich da durch die Schulschließungen ziemliche Lücken aufgetan haben, dass wir uns aber anstrengen, diese wieder aufzufüllen und dass das durchaus zu schaffen ist.

Viele Schulen strengen sich auch an, indem sie zusätzlichen Nachmittagsunterricht anbieten, aber das ist wohl sehr unterschiedlich. Die meisten Nachteile haben wohl Kinder, die eh vom häuslichen Umfeld her benachteiligt sind. Ich bin aber zu wenig in der Materie drin, als dass ich genau sagen könnte, was da alles gemacht wird. Es gibt ja auch sehr engagierte Lehrer, die diese Kinder im Blick haben.

Gymnasiasten, gerade die älteren, haben wohl die wenigsten Probleme damit, den Stoff aufzuholen. Ich glaube, dass letztes Jahr sogar trotz Pandemie ein gutes Durchschnittsabi abgelegt wurde.

» blümchen » Beiträge: 4100 » Talkpoints: 13,95 » Auszeichnung für 4000 Beiträge


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