Aufschieberitis – Faulheit oder Schutzmechanismus?

vom 05.09.2026, 19:29 Uhr

Fast jeder kennt es: Eine Aufgabe steht an, eigentlich müsste man längst anfangen – und trotzdem findet man plötzlich tausend andere Dinge, die viel wichtiger erscheinen. Noch schnell die Wohnung aufräumen, eine Nachricht beantworten, Kaffee kochen, durch Social Media scrollen oder irgendeine Kleinigkeit erledigen.

Und irgendwann ist der Zeitpunkt erreicht, an dem man sich fragt: Warum habe ich das eigentlich wieder aufgeschoben?

Oft wird Prokrastination ziemlich schnell mit Faulheit, fehlender Disziplin oder mangelnder Organisation gleichgesetzt. Wer seine Steuererklärung wochenlang liegen lässt oder erst am Abend vor der Deadline mit einer wichtigen Aufgabe beginnt, bekommt schnell den Stempel „selbst schuld“.

Aber ist das wirklich so einfach? Denn manchmal schieben wir Dinge nicht auf, weil wir keine Lust haben, sondern weil eine Aufgabe unangenehme Gefühle auslöst. Vielleicht wirkt sie zu groß, zu kompliziert oder schlicht überwältigend. Vielleicht besteht Angst davor, etwas falsch zu machen oder den eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden.

Perfektionismus könnte dabei sogar eine ziemlich große Rolle spielen. Wenn ich mir vornehme, etwas perfekt zu machen, kann der erste Schritt plötzlich unglaublich schwer werden. Solange ich noch nicht angefangen habe, kann ich mir schließlich einreden, dass ich es theoretisch perfekt machen könnte. Sobald ich anfange, besteht dagegen die Möglichkeit, zu scheitern.

Auch Angst vor Kritik oder Bewertung kann dazu führen, dass man Aufgaben vermeidet. Und manchmal steckt vielleicht etwas ganz anderes dahinter: Überforderung.

Wenn die To-do-Liste immer länger wird, kann irgendwann der Punkt erreicht sein, an dem man überhaupt nicht mehr weiß, wo man anfangen soll. Dann erscheint es leichter, gar nichts zu machen. Aus „Ich muss heute drei Dinge erledigen“ wird „Ich muss mein ganzes Leben in Ordnung bringen“ – und damit wird der erste Schritt noch schwieriger.

Interessant finde ich auch, dass manche Menschen behaupten, unter Zeitdruck besser zu funktionieren.Sie brauchen die Deadline, um überhaupt richtig in den Arbeitsmodus zu kommen. Erst wenn der Druck steigt, entsteht die notwendige Konzentration. Das Aufschieben scheint dann fast ein Bestandteil des persönlichen Arbeitssystems zu sein.

Aber funktioniert das wirklich dauerhaft? Denn kurzfristig kann der Stress vielleicht zusätzliche Energie freisetzen. Langfristig kann ständiges Aufschieben aber auch zu schlechtem Gewissen, Schlafmangel, Stress und einem permanenten Gefühl führen, den eigenen Aufgaben hinterherzulaufen.

Und dann stellt sich für mich eine interessante Frage: Ist Prokrastination manchmal vielleicht sogar ein Schutzmechanismus? Wenn ich etwas aufschiebe, muss ich mich im Moment nicht mit dem unangenehmen Gefühl auseinandersetzen, das diese Aufgabe auslöst. Das Aufschieben verschafft kurzfristig Erleichterung.

Das Problem ist nur: Die Aufgabe verschwindet dadurch meistens nicht. Im Gegenteil – sie wird häufig noch größer. Aus „Ich sollte irgendwann diesen Brief beantworten“ wird irgendwann „Warum habe ich immer noch nicht geantwortet?“. Aus einer kleinen Aufgabe entsteht ein schlechtes Gewissen, und dieses schlechte Gewissen macht es wiederum noch schwieriger, anzufangen.

Ein ziemlich perfekter Kreislauf. Mich interessiert deshalb eure persönliche Erfahrung: Warum schiebt ihr Dinge auf? Ist es bei euch eher Langeweile, fehlende Motivation, Überforderung, Perfektionismus oder Angst vor dem Ergebnis? Oder funktioniert ihr tatsächlich besser, wenn eine Deadline näher rückt? Habt ihr Strategien gefunden, die euch beim Anfangen helfen?

Zum Beispiel Aufgaben in kleine Schritte zerlegen, einen Timer stellen, sich bewusst nur „fünf Minuten“ vornehmen oder jemanden bitten, einen ein wenig unter Druck zu setzen?

Oder habt ihr irgendwann beschlossen: „Ich bin eben so – warum sollte ich mich ständig dagegen wehren?“

Und noch eine Frage finde ich spannend: Ab wann ist Aufschieben für euch nicht mehr einfach eine menschliche Eigenart, sondern wird zum echten Problem? Vielleicht ist die Grenze gar nicht so leicht zu ziehen. Denn wer gelegentlich eine Aufgabe bis zur letzten Minute aufschiebt, ist vermutlich nicht automatisch faul oder undiszipliniert.

Aber wenn wichtige Dinge immer wieder liegen bleiben, Termine verpasst werden, Rechnungen nicht bezahlt werden oder man permanent unter dem eigenen Aufschieben leidet, sieht die Situation natürlich anders aus.

Vielleicht sollten wir deshalb weniger schnell fragen: „Warum bist du so faul?“ und stattdessen häufiger: „Was macht es dir gerade so schwer, anzufangen?“
Oder wie seht ihr das?

Ist Aufschieberitis für euch eher ein Zeichen von Faulheit – oder steckt dahinter häufig ein Schutzmechanismus, mit dem wir versuchen, unangenehme Gefühle und Überforderung kurzfristig zu vermeiden?

» Fugasi » Beiträge: 1886 » Talkpoints: 4,95 » Auszeichnung für 1000 Beiträge



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