Als Behinderter das Recht haben, unfreundlich zu sein?

vom 13.11.2017, 22:50 Uhr

Wie in einem anderen Thread bereits erwähnt, bin ich neulich einer sehr unfreundlichen Frau im Rollstuhl im Supermarkt begegnet. Diese hat sogar einen jungen Mann angeschnauzt, der sich bereit erklärt hatte ihr einen Käse aus der Kühltheke zu holen. Ich habe später im Freundeskreis davon berichtet und war über die Reaktion etwas verblüfft.

Viele meinten tatsächlich, dass das bei Behinderten in Ordnung wäre. Als Behinderter habe man es schließlich nicht leicht und je nachdem welcher Art die Behinderung ist, hat man mitunter auch nicht mehr so viel Freude am Leben. Das müsse man als Außenstehender doch nachvollziehen. In gewisser Weise haben viele meiner Freunde den Behinderten ein Recht zugesprochen, unhöflich sein zu dürfen. Wie seht ihr das? Haben Behinderte Menschen durch ihr schweres Schicksal quasi ein Recht darauf, unhöflich sein zu dürfen?

» Crispin » Beiträge: 14933 » Talkpoints: 5,72 » Auszeichnung für 14000 Beiträge



Generell denke ich, dass behinderte Menschen das gleiche Recht haben wie andere auch. So haben sie sicherlich auch das Recht, eben mal schlecht gelaunt zu sein. Aber ich würde nicht sagen, dass sie einen Freifahrtschein haben, um zu anderen unfreundlich zu sein, weil sie ein viel schwereres Schicksal haben.

Man weiß doch auch gar nicht, was andere Menschen für Sorgen und Kummer mit sich herum schleppen. Da finde ich es schon übertrieben, dass man Behinderten ein Sonderrecht zuspricht. Ich finde, dass man generell zu anderen Menschen freundlich oder höflich sein sollte, egal welche Gebrechen man hat.

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» Nelchen » Beiträge: 32246 » Talkpoints: -0,17 » Auszeichnung für 32000 Beiträge


Ich nehme an, dass diese Ansicht gar nicht so selten ist und viele Leute glauben, auf behinderte Menschen eine besondere Rücksicht nehmen zu müssen und ihnen eher Zugeständnisse machen als einem nicht Behinderten. Es wird ja oft als besonders sozial und „gut“ empfunden, Schwächeren zu helfen, während man ganz schnell verurteilt wird, wenn man etwas Negatives über so jemanden sagt.

Ich für meinen Teil habe durchaus Verständnis dafür, dass diverse Behinderungen und das Angewiesensein auf Hilfe anderer -zum Teil fremder- Menschen zu Frustration führen können. Aber bei allem Verständnis bin ich nun einmal auch der Ansicht, dass Mann seine Launen nicht an anderen auszulassen hat.

Also nein, in meinen Augen haben Behinderte kein besonderes Recht, sich aufzuführen wie die Axt im Walde.

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» CCB86 » Beiträge: 1987 » Talkpoints: 47,77 » Auszeichnung für 1000 Beiträge



Ich finde es arrogant, bei Menschen mit Behinderungen immer automatisch vorauszusetzen, dass sie ihr Leben als "schweres Schicksal" empfinden und automatisch eine verringerte Lebensqualität haben, während irgendein verfetteter Kettenraucher, der keine Treppen mehr steigen kann, automatisch so viel besser dran ist, dass ihn jeder Sportler mit Beinprothese nur noch beneiden kann. Um ein extremes Beispiel zu nennen. Ich bin, wie schon häufig betont, nicht der Meinung, dass man Leuten einen Gefallen tut, wenn man sie auf Grund einer Behinderung als "defekt", benachteiligt oder bemitleidenswert ansieht, weil dies für mich eine Entwürdigung darstellt.

Für mich haben Menschen mit Behinderung das gleiche Recht darauf, auch mal pampig zu sein, wie alle anderen. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn mich ein Rollstuhlfahrer blöd von der Seite anmacht, kriegt der genauso Kontra wie ein Jugendlicher oder ein Senior mit Gehstock. :roll: Andererseits habe ich jedoch auch oft den Eindruck, dass von offensichtlich behinderten Menschen wiederum gerne erwartet wird, dass sie eben nicht schlecht gelaunt sind, sondern dass man ihnen anmerkt, dass sie ihr schweres Schicksal mit Würde tragen und ihr Leben dennoch genießen. Gerade Menschen mit geistiger Behinderung werden oft als wahre Sonnenscheinchen dargestellt, die zwar strohdumm sind, aber dafür auch stets gutgelaunte Unschuldslämmer.

Und dann ist die Fallhöhe und das daraus resultierende Erstaunen der Umwelt natürlich um so größer, wenn jemand, der eigentlich tapfer und fröhlich sein "sollte", auch mal einen pampigen Tag hat. Generell bin ich also der Meinung, dass Menschen mit erkennbarer Behinderung weder das Recht auf schlechte Laune gepachtet haben noch moralisch dazu verpflichtet sind, immer froh und dankbar zu sein, dass sie überhaupt am Leben teilnehmen dürfen. Manchmal ist man eben einfach nur grantig, weil man den Bus verpasst hat, oder eine Erkältung ausbrütet, oder die Katze den Teppich besudelt hat - das hat dann mit dem Rollstuhl oder der Käsetheke gar nichts zu tun!

» Gerbera » Beiträge: 9135 » Talkpoints: 0,61 » Auszeichnung für 9000 Beiträge



Ich kenne ein solches Verhalten von einer ehemaligen Kundin von uns, die ich auch mal im Supermarkt erlebt habe, wo sie einen anderen Kunden angeschnauzt hat, dass er ihr doch mal etwas geben soll, weil sie nicht dran kommt und im Rollstuhl sitzt. Der andere Kunde hat das auch noch gemacht und war gleichbleibend freundlich zu ihr, obwohl sie sich noch nicht einmal bedankt hat. Mich hat das auch gewundert, weil ich in der Situation wohl gesagt hätte, dass ich bei einem anderen Tonfall gerne helfe, so aber nicht.

Das hätte ich einem Menschen ohne Behinderung in so einem Moment ganz genauso gesagt. Ich würde einfach sagen, dass es klar ist, dass Menschen mit einer Behinderung auch mal mies drauf sind, das geht ja allen Menschen so. Aber trotzdem wird es doch nicht besser, wenn man sich dann anderen Menschen gegenüber auch noch unfreundlich verhält und das auch noch, wenn man selber etwas möchte. Ich würde daher sich nicht sagen, dass man als Behinderter das Recht hat, unfreundlich zu sein.

» Barbara Ann » Beiträge: 28382 » Talkpoints: 54,62 » Auszeichnung für 28000 Beiträge


Welche Maßstäbe hast du für "schweres Schicksal"? Was ist zum Beispiel mit der Frau, deren Mann gerade verstorben ist, die zwei kleine Kinder versorgen und die demenzkranke Mutter pflegen muss? Hat die kein Recht auf Unfreundlichkeit, weil man ihr nicht ansieht, dass es kaum noch schafft ihren Alltag zu bewältigen?

Ich habe es im Supermarkt auch mal erlebt, dass eine Frau im Rollstuhl zu mir so etwas wie "gib mal die Schokolade da" sagte. Woraufhin ich meinte "Könnten SIE mir BITTE die Schokolade gebe? So viel Zeit muss sein". Sie hat mich angeglotzt wie ein Auto und war es ganz offensichtlich nicht gewohnt, dass sie für ihren respektlosen Ton kritisiert wurde.

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» Cloudy24 » Beiträge: 25490 » Talkpoints: 128,91 » Auszeichnung für 25000 Beiträge


Jeder hat mal einen schlechten Tag. Das hat nichts mit dem Geschlecht zu tun, der Behinderung, dem Alter oder was auch immer. Daher finde ich, dass niemand das Recht hat, respektlos mit seinen Mitmenschen umzugehen und dann pampig zu agieren. Wenn mir also jemand blöd kommen würde, würde ich ihn oder sie ziemlich zurechtweisen und hätte da keine Hemmungen.

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» Täubchen » Beiträge: 33313 » Talkpoints: -0,47 » Auszeichnung für 33000 Beiträge



Wie meinem Nickname zu entnehmen ist, bin ich selbst augenscheinlich behindert, denn ich sitze im Rollstuhl. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es nicht leicht ist, sich damit zurecht zu finden. Es ist doch eine große Umstellung und es wird einem nicht immer leicht gemacht von der Umwelt. Die psychischen Folgen und die Depressionen, die man meistens bekommt, werden oft abgetan und man wird damit allein gelassen.

Trotzdem finde ich, dass man auch als Behinderter kein Sonderrecht auf Unfreundlichkeit hat! Wenn ich manchmal diese mitleidigen Blicke sehe, mit denen ich angesehen werde, könnte ich die Wände hoch gehen! Ich bin ein ganz normaler Mensch und möchte auch ganz normal behandelt werden! Dazu gehört auch, dass man meine eventuelle Unfreundlichkeit nicht einfach hinnimmt, sondern mich genauso wie jeden anderen Menschen zurecht weist!

» rasenderrolli » Beiträge: 968 » Talkpoints: 0,59 » Auszeichnung für 500 Beiträge


Ich hatte mal eine Rollstuhlfahrerin in meiner Klasse, die an einer Krankheit litt, an der sie sterben wird und sie war alles andere als schüchtern deswegen, was man aufgrund des Schicksals vielleicht meinen könnte. Sie meinte mal zu mir, dass man ihr oft nichts zutraut, sie für bescheuert erklärt und sie deswegen den Leuten auch mal die Meinung geigt, ehrlicher sein kann als ein Mensch, der nicht im Rollstuhl sitzt. Sie hat also keinen auf nett gemacht, sondern ordentlich und mit kräftigen teilweise auch Schimpfworten ihre Meinung vertreten.

Letztendlich finde ich das cool. Sein Schicksal zu akzeptieren ist nicht leicht und wenn man immer nur für bescheuert abgestempelt wird, finde ich eine gewisse Wut normal und dass man das dann auch mal herauslässt auch. Es ist aber nun mal so, dass man sich auch als Behinderter in einer Gesellschaft bewegt, von der man leider oft ausgeschlossen wird und die einen manchmal mies behandelt, dennoch sollte man deswegen nicht immer nur unfreundlich sein, immerhin schafft man dann auch ein schlechtes Bild von Behinderten.

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» Ramones » Beiträge: 42537 » Talkpoints: 26,85 » Auszeichnung für 42000 Beiträge


Nur weil man als Behinderter bzw. Rollstuhlfahrer gehandicapt ist gibt einem das meiner Meinung nach nicht das Recht alle Höflichkeit und Etikette über Bord zu werfen.

Natürlich darf auch ein Rollstuhlfahrer mal einen schlechten Tag haben und auch seine Meinung sagen wenn sie angebracht ist, aber halt im gleichen Rahmen wie es auch jeder andere Mensche kann und darf. Mit Sicherheit sind manche Alltagssituationen im Vergleich für die Rollstuhlfahrer komplizierter, aber das gibt ihnen trotzdem nicht das Recht sich deswegen unangemessen aufzuführen.

Auch ein "gesunder" Mensch ohne Behinderung kann es nicht leicht haben im Leben, muss sich anderer Hürden stellen. Würde jeder Mensch sich daneben benehmen, nur weil er / sie es gerade nicht leicht hat, dann würden wir hier in einer merkwürdigen Gesellschaft leben. Ich glaube nicht, dass es dann noch viel Höflichkeit und Benehmen gäbe.

» Huibuu » Beiträge: 381 » Talkpoints: 21,54 » Auszeichnung für 100 Beiträge


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