vom 08.09.2008
Talkteria: Interpretation zu Andreas Gryphius Sonett An sich selbst
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Interpretation zu Andreas Gryphius Sonett An sich selbst

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Der barocke Dichter Andreas Gryphius verfasste das Gedicht „An sich selbst“ ganz im Zeichen der Vanitas und der Vergänglichkeit. Auch die Form verweist direkt auf die starren Regeln für die Lyrik im 17. und 18. Jahrhundert.
Das Sonett (nach französischer Art) ist gegliedert in zwei Quartette und zwei Terzette, durchzogen von einem sechshebigen Jambus. Die beiden Quartette bilden dabei jeweils umarmende Reime, die Verse 9 und 10, sowie die Verse 12 und 13 dagegen einen Paarreim. Die Verse 11 und 14 sind im, an dieser Stelle ebenfalls für das französische Sonett typischen, umarmenden Reim gehalten. Das komplette Reimschema lautet: abba abba ccd eed.

Was den Inhalt des Sonettes betrifft, so lässt dieser sich auf die Gliederung eines Emblems übertragen. Dabei steht zunächst die Überschrift „An sich selbst“ für die inscriptio (Ein- oder Überschrift eines Emblems).
In den beiden Quartetten schildert der Dichter den körperlichen Verfall anhand von verschiedenen Beispielen bzw. anhand von unterschiedlichen Körperteilen, zum Beispiel „Die Zunge / schwartz vom Brand“ , „des Athems schwere Lufft“ oder „mir zittern alle Glider “ . Das heißt, der Dichter gibt dem Leser eine bildliche Illustration dessen, was einem Kranken während einer schweren Krankheit widerfährt, vielleicht auch, was jeden Menschen erwartet, wenn er altert. Diese Art der illustrierenden Wiedergabe wird im Jargon der Emblematik die picura, das Bild, genannt.


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Zuletzt folgt dem Ganzen die subscriptio, d.i. die Unterschrift zum vorher dargestellten Bild. In diesem Fall geht Gryphius im ersten Terzett von den einzelnen Symptomen der Krankheit über zum Ganzheitlichen, betont, das es der komplette „Coerper“ ist, welcher nun verendet, sich infolgedessen nicht mehr richtig bewegen lässt und schmerzt. Im zweiten Terzett kommt endlich die Auflösung dessen, was das vorangegangene Bild dem Leser mitteilen soll. Hier stellt der Dichter die Frage, was denn alles, was vorher so wichtig war, wie zum Beispiel „der hohe Ruhm / und Jugend/ Ehr und Kunst“ , bedeutet. Im Angesicht des Todes nämlich würde all dies nichtig: „Wenn diese Stunde kompt: wird alles Rauch und Dunst.“

Damit spricht er der Tradition des Barock aus der Seele, welche sich vor allem gegen die Eitelkeit der Welt auflehnte und sich mehr zum Jenseits hin wandte, statt Besitztümer zu ehren. Diese Hauptgedanken des Barock, dem etliche Dichter der damaligen Zeit huldigten , resultierten aus der Erlebniswelt des 17. Jahrhunderts, denn „das Heilige Römische Reich deutscher Nation war im 17. Jahrhundert nur noch ein brüchiges Gebilde, gefährdet von innen und außen“ . Der Dreißigjährige Krieg hatte gewütet, das Volk war in Massen in die größeren Städte geflüchtet und die so zusammengerückten Menschen boten damit der Ausbreitung von Seuchen einen prächtigen Nährboden. Die Bevölkerung damals lebte umgeben von Tod, Krankheit, Verlust und Verfall.

Doch im Gegensatz zu der allgemeinen Ansicht, gerade Gedichte des Barock dürften nicht auf den Autor bezogen werden, lässt sich bei diesem Sonett von Andreas Gryphius dennoch die vorsichtige These wagen, das Gedicht stünde nicht allein in der Tradition der barocken Lyrik, sondern gäbe gleichzeitig die Erlebnisse und Empfindungen des Dichters wider. Diese These stützt sich nicht auf die Anspielungen im Text selbst, wo der Dichter ein lyrisches Ich nutzt oder mit der Überschrift „An mich selbst“ impliziert, dass es sich beim nun folgenden um persönliche Empfindungen handeln könnte. Vielmehr stützt sich diese These auf eine schwere Krankheit, von der Andreas Gryphius selbst heimgesucht worden war: „Zum seelischen Schmerz gesellte sich eine körperliche Krisis; im Winter 1640/41 erkrankte er so schwer, dass ihn die Ärzte aufgaben.“ Wider Erwarten aller ihn betreuenden Ärzte und Personen überlebte der Dichter die Krankheit.

Daher ist es in diesem Fall naheliegend, das Gedicht „An sich selbst“ vielleicht wirklich nicht allein in der Tradition der barocken Literatur zu sehen, sondern es gleichzeitig als einen Bericht aus den persönlichen Erfahrungen des Dichters zu betrachten.
  
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