vom 18.10.2007
Talkteria: Hermeneutik und Kafkas "Urteil"
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Hermeneutik und Kafkas "Urteil"

Forum: Hausaufgaben & Referate

    
Hier ein Referat aus dem Leistungskurs Deutsch. Es geht um Hermeneutik an sich und um Kafkas Kurzgeschichte " DasUrteil", die mit dieser Technik interpretiert wird, für Schüler bestimmt sehr sinnvoll und zur freien Verfügung:

Hermeneutik

Seit Anbeginn der Schriftlichkeit suchte man nach höheren bzw. tieferen Sinn, Nebensinn und verschlüsselten Botschaften

Antike: Homer / Sakraler Kontext: Judentum und Christentum (Bibel) à herauspräparieren göttlicher Botschaften


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Säkularisierung von Textauslegung steigert Interpretationsbedürfnis lyrischer Texte
à sollen interpretationswürdige Tiefendimension erhalten

Auslegung u. Erklärung in Analogie zur Hermeneutik religiöser Texte
à aber nur möglich bei Texten die nach Vorschriften der Regelpoetik funktionieren.

Was ist, wenn Literatur zur Dichtung, also individueller Selbstausdruck wird ?

Friedrich Schleiermacher (1768-1834):

Hermeneutischer Zirkel: Einzelne Beobachtung als Teil des Ganzen und Textganzes als Zusammenhang von einzelnen Stücken

Klare Trennung von Autor- und Textintention; Interpret strebt danach Text besser als Autor zu verstehen. Autor stellt den Sinn zwar her, aber nur der Text selber enthält ihn erst.

à Hermeneutik sucht nicht den Nachweis der Stimmigkeit eines Textes, sondern weist auf Bruchstellen hin oder darauf, dass Interpretationsbemühungen nicht glatt aufgehen oder sogar scheitern.


Kafka als Interpret seiner selbst

Kafkas Erzählungen als perfekte Spielwiese, da sie immer wieder nicht deutbare Stellen enthalten und Verrätselstrukturen entblößen

Brief Kafkas vom 2. Juni 1913: „Das Urteil ist nicht zu erklären“ à Aufforderung für Hermeneutiker; wirklich unerklärlich ?

Kafka kann selber keinen Sinn in seinem Text finden, was nichts über die Interpretationsfähigkeit des Textes aussagt

Grundsatz: Weder Autor- noch Textintention, noch Textverständnis des Autors und des Interpreten müssen sich decken.

à Briefe enthalten aber auch Hinweise auf Deutungsfähigkeit:

„Aber es ist vieles Merkwürdig daran“
„Sieh nur die Namen!“ :
- Georg so viele Buchstaben wie Franz
- Bendemann: „Bende“ so viele Buchstaben wie Kafka, „Mann“ als Verstärkung
- Frieda: So viele Buchstaben wie Felice, Gleicher Anfangsbuchstabe, Friede & Glück
- Brandenfeld: Gleicher Anfangsbuchstabe, Feld à Bauer

à „und derartiges gibt es noch einiges“ à Auftrag an Leser hermeneutische Arbeit fortzusetzen


Selbstdeutungen entstammen Kafkas Tagebucheintragungen.
Entstehungsprozess: unkontrollierter Schreibausbruch innerhalb der Nacht vom 22. auf 23. September 1912 war ein Schreibimpuls.
Der zweite Impuls resultiert aus der Briefbeziehung mit Felice Bauer

„Geschichte steckt voller Abstraktionen“
„Die Geschichte steckt voller Abstraktionen, ohne daß sie zugestanden werden. Der Freund ist kaum eine wirkliche Person, er ist vielleicht eher das, was dem Vater und Georg gemeinsam ist. Die Geschichte ist vielleicht ein Rundgang um Vater und Sohn, und die wechselnde Gestalt des Freundes ist vielleicht der perspektivische Wechsel der Beziehungen zwischen Vater und Sohn. Sicher bin ich dessen aber auch nicht.“

à wiederholte Flucht ins „vielleicht“

à Tagebücher oft als Hilfe für Interpretationen herangezogen, weil sie eine Beschreibung des Entstehungsprozesses liefern.

„Fürchterliche Anstrengung“ ßà „Freude“
à positive Auslegung des Prozesses

Gesamtkontext Tagebuch: drei Tage später wird das genaue Gegenteil über eine Schreibhinderung geschildert

à negative Auslegung des Prozesses

Letzte Steigerung der Uneindeutigkeit durch Kafka: entdeckte konkrete Wirklichkeitserfahrungen im „Urteil“ (Freund Steuer / Schwestern die Wohnung wiedererkennen)

Ein Urteil über das Urteil?

Gadamer: Titel unterstellt sich den Konventionen des hermeneutischen Verstehens, da ein Sinn gesucht wird.

Einhaltung der Erzähltradition: Widmung, Hinweis auf „Geschichte“, typischer Novellenanfang: Tag- und Jahreszeit, Witterung, Einführung der Hauptfigur (ähnelt Keller)

Provokante Anknüpfung an weitere Erzählkonventionen des 19. Jh.: Rahmenkonstruktion

„Fluß“: zum einen Anfang und Ende

„Fenster“: als klares Leitmotiv; bei Georg offen, hell / Vater dunkel

à klare Motive

Weitere Hinweise, dass die Erzählung hermeneutisches Verstehen bedürfe:
Briefe werden gelesen, nicht gelesen, verstanden und missverstanden.
Information werden verschwiegen, offenbart, verheimlicht, erraten und aufgedeckt

Die Freundschaft ist längst ein Entfremdungsszenario geworden:
Der in die Fremde Ausgezogene ßà Der Daheimgebliebene
Der ökonomische Misserfolg ßà Mit leichter Hand erfolgte „Fortschritt“
Ewiges Junggesellentum ßà Verlobung
à Parallelen und Gegensätze, jedoch nur aus der Sicht Georgs
Vater: „Sohn nach meinem Herzen“


Paradoxe Zeichen: Briefverhältnis ohne jegliche Informationen, Vater notorischer Zeitungsleser trotz „Augenschwäche“

Symbole:

Vater sitzt bei geschlossenem und abgedunkeltem Fenster, während Georg bei offenem Fenster schreibt
à Wahrnehmungsvorsprung Georgs

Verhältnis kippt: verschleiernde Briefe werden zu nutzlosem Papier, da Vater den Freund schon immer die wahren Informationen geschickt hat.

Der Umschlagpunkt: Zudecken/ Aufdecken
Vater durchschaut Georg, fühlt sich untergekriegt durch das Verhalten des Sohnes; Verrat an Familie und Freund, Höhepunkt Verlobung.

à Vater stößt Georg aus der Familie zum Tode aus und ersetzt die leere Stelle mit dem Freund. Rechtfertigung des Urteils darin gesichert, dass das Problem schon Jahre bestand und nun nicht mehr gelöst werden kann à Georg soll ertrinken (Autonomie) und nimmt das Urteil an, somit ist der Sinn gegeben.

Sprung in den Fluss, als Eintauchen in einen unendlichen Strom ßà Schreibstrom

Die Lesbarkeit von Kafkas Welt

„Das Urteil“ ist interpretierbar also nicht sinnlos. Somit ist ein Sinn gegeben, der zwar in einer widersprüchlichen Welt vorherrscht aber dennoch da ist.
Trotzdem bleibt der Text rätselhaft:

Das meiste aus Zusammenfassungen und Erinnerrungen Georgs.
Vaters Intrige überhaupt war ?
Tod nicht sicher.

Fazit:

à Text verleiht sich selber Sinn, indem er behauptet, er habe keinen.
Leistungsfähigkeit der Hermeneutik bewiesen.
  
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