Ich habe eine gute Bekannte, die in ein paar Wochen für einen einjährigen Aufenthalt in die USA fährt und dort eine Schule besuchen wird. Da sie in ihrer Ferienzeit dort Land und Leute kennenlernen möchte und zudem nicht allzu viel zusätzliches Geld ausgeben kann, ist es schon völlig klar, dass sie auch in der Ferienzeit nicht nach Hause fliegt, sondern das ganze Jahr im Ausland verbringt.
Ich freue mich natürlich mit ihr, weswegen wir uns oft über ihr Vorhaben unterhalten, aber bei einem Gespräch erwähnte sie, dass sie plant, alle Kontakte in Deutschland abzubrechen, bevor sie fliegt. Auf meine Nachfrage hin erklärte sie mir, dass sie das für den besseren Weg halte, da sie die Zeit in den USA in vollen Zügen genießen wolle. Dazu gehört ihrer Meinung nach auch, dass man nicht im Ausland sitzt und die um Freunde aus Deutschland trauert, sondern am besten gar nicht an diese denkt, um erst gar nicht damit anzufangen, sie zu vermissen. Kurz gesagt möchte sie keinen Kontakt zu ihrem ursprünglichen Freundeskreis, um sich voll und ganz auf ihr Auslandsjahr konzentrieren zu können.
| :: Anemone :: Beiträge 618:: 913.61 Talkpoints |
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Weil ich diesen Entschluss sehr schade finde, wollte ich ihr das ursprünglich ausreden und zeigte ihr die Möglichkeit der kostenlosen Internet-Telefonie auf, die es ihr jederzeit ermöglicht, Kontakt zu uns aufzunehmen. Dadurch wäre sie nicht ans Geld gebunden und könnte uns je nach Bedürfnis anrufen, um uns an ihren Erfahrungen teilhaben zu lassen. Aber auch das gefiel ihr nicht, denn Zeit vor dem Computer zu verbringen und an die Heimat zu denken, sei nur Zeitverschwendung.
Obwohl sie in ihrer Entscheidung sehr entschlossen wirkt, suche ich dennoch nach einer Möglichkeit, ihr das auszureden. Für mich ist sie „nur“ eine Bekannte, weswegen ich nur wenig über den Kontaktabbruch trauern werde, aber dennoch mache ich mir Sorgen um die Folgen ihres Entschlusses. Es ist ja nicht so, dass sie mit Deutschland abschließt und nie mehr wieder kommen will, sondern sie ist ein Jahr später wieder hier und wird auch wieder Kontakt zu ihren alten Freunden suchen, weil sie nicht gerne alleine ist. Ich befürchte nun, dass viele jetzt gute Freundschaften diese Pause von einem Jahr nicht überstehen werden. Es gibt natürlich Freundschaften, in denen man sich ein Jahr lang nicht gesprochen hat und das keinen Unterschied macht, aber an den meisten persönlichen Beziehungen wird eine solche Pause wohl nicht spurlos vorübergehen. In einer guten Freundschaft kann dadurch das Gefühl der Vertrautheit verloren gehen oder man lebt sich schlichtweg auseinander und weiß nach diesem Jahr gar nichts mehr miteinander anzufangen, weil man am Leben der jeweils anderen Person nicht teilhaben konnte.
Weil ich befürchte, dass meine Bekannte nach diesem Aufenthalt hier in Deutschland ohne Freunde dastehen wird, wenn sie ihr Vorhaben in die Tat umsetzen sollte, suche ich immer noch nach einer Möglichkeit, ihr diesbezüglich die Augen zu öffnen. Habt ihr eine Idee? Oder findet ihr, ich sollte gar nicht mehr mit ihr darüber reden, weil sie ihre eigenen Erfahrungen machen muss? Wie habt ihr den Kontakt mit euren Freunden denn bei eigenen Auslandsaufenthalten gehandhabt? Dramatisiere ich vielleicht sogar und an den meisten Freundschaften wird sich eurer Meinung nach gar nichts geändert haben, wenn meine Bekannte nach einem Jahr wieder Kontakt aufnehmen will?
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:: Anemone
:: Beiträge 618:: 913.61 Talkpoints |
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Möchte sie den Kontakt nur während der Reise abbrechen, oder auch danach? Ich finde, dass man durchaus akzeptieren kann, wenn sie es für besser hält, während des einen Jahres sich lieber nicht melden zu wollen. Für manche ist es so in der Tat einfacher. Trauer lenkt wirklich ab und es gibt eben auch den Typ Mensch, der besser damit umgehen kann, wenn keinen Kontakt hat.
Für die Freunde die das anders sehen ist das sicherlich erst einmal wie ein Schlag ins Gesicht. Aber man sollte versuchen, dass Ganze mal aus dem Blickwinkel der Freundin zu sehen.
Wahre Freunde empfangen einen dann nach dem Jahr nämlich trotzdem mit offenen Armen. Sicherlich kann sich ein Mensch in dem einen Jahr auch verändern, aber das ist auch so, wenn sie nicht gegangen wäre.
Ich hatte einige Freunde, die ein Jahr weg waren. Darunter auch eine sehr gute Freundin. Wir hatten auch nur wenig Kontakt. Ich habe mich damals aber sehr gefreut, als sie wieder im Lande war. Man darf nicht vergessen, dass man so weit weg eben doch mehr erlebt, wenig Zeit hat. Verabredungen am Telefon oder übers Internet sind trotzdem schwer. Zumindest die eine Freundin von mir war nach der Arbeit immer hundemüde (sie hat auf einer Farm in Irland gearbeitet).
Akzeptiere ihre Entscheidung aber wenn dir was an ihr liegt, sollte sie sich vielleicht melden, wenn sie wieder da ist. Dann kann sie sich nämlich mit Freunden treffen. Sieh es mal so, dann hat sie wirklich sehr viel zu erzählen.
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:: winny2311
:: Beiträge 11535:: -11.07 Talkpoints |
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Ich halte das ehrlch gesagt für eine ziemlich bescheurte Idee. Wenn einem die Freunde so wenig wert sind, dass man den Kontakt komplett abbricht, nur für ein Jahr im Ausland, ist die Freundschaft eh nicht viel wert. Jemand, der mir erklärt, er wolle jetzt ein Jahr lang nicht mit mir sprechen oder schreiben kann mir nach seiner Rückkehr auch gestohlen bleiben, da die Zuneigung dann offensichtlich nur einseitig vorhanden ist. Das wirkt so, als habe sie einfach keine Lust sich zu kümmern. Ihr seid ja eh weit weg, so dass sie nur wenig von euch profitiert, darum verwendet sie ihre Energie lieber auf Menschen, die ihr etwas bringen. Wenn ich jemanden wirklich mag, stelle ich solche Überlegungen aber nicht an!
Man muss ja nicht jeden Tag stundenlang mit den Freunden daheim telefonieren, dann hat man wirklich nichts von seiner Zeit dort. Aber ab und zu eine Email, ein Brief oder ein Chat sind jawohl kein Problem. Darüber, ob es das Heimweh wirklich verschlimmert kann man übrigens auch streiten. Klar ist man so gezwungen sich schneller Kontakte zu suchen, wenn man daheim alle Brücken abgebrochen hat. Aber zu wissen, dass daheim jemand ist, der einen mag und einen vielleicht auch vermisst, kann ja auch ein Trost sein. So wie du das beschreibst, klingt es als betrachte sie ihre Freunde zu Hause als eine Spaßbremse, ein Hindernis ihren Aufenthalt zu genießen. Das ist echt mal ein nettes Kompliment!
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:: Sorcya
:: Beiträge 2832:: 0.31 Talkpoints ::  |
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Wie kommt man denn auf so eine absurde Idee? Ich kann eine solche Entscheidung auch absolut nicht verstehen. Denn zurückgebliebene Freunde und Bekannte als Hindernis zu betrachten (so interpretiere ich das auch) ist schon sehr merkwürdig, erst recht, wenn es sich nicht nur einzelne Personen handelt. Ich selbst habe es selbst Mitte der Neunziger Jahre erlebt, dass Freunde während eines Auslandsaufenthaltes zumindest per Mail und manchmal auch per Chat Kontakt gehalten haben. Das war recht günstig und hat auch gereicht und abgelenkt fühlt sich keiner. Nun ja, aber des Menschen Wille ist sein Himmelreich.
Und daran wirst auch Du, Anemone, nichts ändern können. Du kannst der Bekannten erklären, welche Bedenken Du hast. Die kann sie sich dann noch mal genauer durch den Kopf gehen lassen. Aber mehr kannst Du auch nicht tun - man kann niemanden zu seinem Glück zwingen. Auch wenn Dir diese Einsicht vielleicht schwer fällt; ich sehe da keine andere Lösung.
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:: JotJot
:: Beiträge 13223:: 61.41 Talkpoints |
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Vielen Dank für diesen anderen Blickwinkel, Winny2311. Du hast schon Recht, dass wahre Freunde diese Bekannte vielleicht nach ihrem Auslandsaufenthalt ebenso gut mit offenen Armen empfangen könnten, aber daran zweifle ich doch stark. Der Teil ihres Freundeskreises, den ich auch kenne, vertritt ein ähnliches Bild der Freundschaft wie ich; und zu diesem Bild gehört auch, dass man regelmäßig im Kontakt bleibt. Jemanden, der ein Jahr lang nichts von mir wissen will, bezeichne ich persönlich nicht mehr als Freund. Natürlich könnte sich die Bekannte auch in Deutschland in diesem Jahr massiv verändern, der Unterschied ist aber, dass der Freundeskreis an dieser Veränderung teilhaben und sich daran gewöhnen kann. Ich sage ja gar nicht, dass sie nach diesem Jahr komplett ausgeschlossen werden wird, ich denke nur, dass die meisten Freundschaften dann lange nicht mehr so tief und stabil sind, wie sie einmal waren. Viele Bekannte, wie auch ich, dürften sich danach auch von ihr abgewendet haben, denn einen lockeren Kontakt versucht man in der Regel nicht mehr aufzubauen, wenn man ein Jahr nichts von der Person gehört hat.
Auf die Idee, dass ihr die Freundschaft nichts mehr wert ist und sie ihre alten Freunde als Last sieht, bin ich ehrlich gesagt noch überhaupt nicht gekommen. Das liegt vielleicht aber auch daran, dass ich diese Bekannte schon immer als recht sprunghaft erlebt habe. Wenn sie mit einem neuen Hobby begann und bei dessen Ausübung neue Leute traf, dann waren diese auf einmal der Mittelpunkt ihres Lebens und man musste sie oftmals darauf hinweisen, dass sie auch noch andere Freunde hat, die sich über ihr Verhalten ärgern. Diese Freunde hatte sie in ihrem Enthusiasmus einfach vergessen, was sie aber interessanterweise nie böse meinte, sondern auch bedauerte, wenn man sie auf ihren Fehler hinwies. Den Kontakt aber schon im Vorhinein abzubrechen, geht noch einen Schritt weiter. Ich denke, ich werde noch einmal mit ihr sprechen und ihr sagen, wie manche Freunde ihr Verhalten interpretieren könnten; vielleicht öffnet ihr das die Augen.
Ich habe natürlich bereits mit ihr gesprochen und ihr meine Bedenken, die ich im ersten Beitrag ausführte, geschildert, was sie aber kaum interessierte. Ihrer Meinung nach ist auch ein kurzer Chat oder eine E-Mail zu viel verlangt, das könnte ja niemand von ihr erwarten, wenn sie das Auslandsjahr wirklich genießen will. Mir ist natürlich auch klar, dass ich ihr letztlich ihren Willen lassen muss, weil ich sie ja schlecht zwingen kann, die Kontakte aufrecht zu erhalten. Es fällt mir lediglich schwer, jemanden in etwas rennen zu lassen, das ich persönlich für sein Unglück halte. Aber wahrscheinlich muss sie diese Erfahrung wirklich selbst machen.
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:: Anemone
:: Beiträge 618:: 913.61 Talkpoints |
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